Nach der Reparatur unseres Getriebes in Lefkas fühlt sich das Ablegen an diesem Morgen anders an als gewohnt. Es ist noch dunkel, als wir mit der ersten Brückenöffnung durch den schmalen Kanal nach Norden fahren. Die Sea Pearl läuft ruhig, das Getriebe scheint zu funktionieren – und trotzdem bleibt dieses leichte Gefühl von Anspannung. Nach allem, was in der vergangenen Woche passiert ist, hört man genauer hin, beobachtet mehr, prüft jeden ungewohnten Ton und bei jedem Ein- oder Auskuppeln versuche ich möglichst gut zu spüren, ob jetzt wieder alles wieder passt. Gleichzeitig wissen wir: wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Unsere Zeit an Bord neigt sich dem Ende entgegen und wir müssen Strecke machen.
Mit den ersten Sonnenstrahlen öffnet sich das ionische Meer vor uns. Diese ganz besondere Morgenstimmung, das ruhige Wasser, das warme Licht – wir freuen uns sehr, dass wir wieder unterwegs sind und vielleicht am gleichen Tag noch den größten Meilenstein der Reise abhaken können. Mit dem Kreuzen unserer Kurslinie vom September 2021 östlich von Korfu schließen wir die Weltumsegelung ab. Gleichzeitig wird diese Etappe, wenn denn alles klar geht, unsere letzte lange Passage mit zwei Nachtfahrten der Reise sein. Wir lassen die Insel Lefkas endlich achteraus und nehmen Kurs nach Norden, in Richtung Korfu. Leider ist kaum Wind, sodass wir unter Autopilot dahingleiten und während der Fahrt das Frühstück nachholen und Zeit haben weiter unser Getriebe zu beobachten. Einen kurzen Schreckmoment haben wir dann noch, als das Dichtmittel des Getriebedeckels scheinbar etwas zu schnell warm wird und mit einem Gestank nach Plastik und etwas bläulichem Rauch beschleunigt aushärtet. Gottseidank konnten wir googeln, dass das wohl normal ist – trotzdem waren wir beide wieder auf „Hab-acht-Stellung“.
Dann kommt dieser Moment, auf den wir so lange hingearbeitet haben. Zwischen Korfu und dem griechischen Festland schauen wir gebannt auf unseren Plotter und sehen in der elektronischen Seekarte langsam das Icon der Sea Pearl, das unsere aktuelle Position darstellt, auf die alte Kurslinie zubewegen. Etwas mehr als 31.000 Seemeilen, 45 verschiedene Länder bzw. Territorien, zehn lange Ozeanpassagen und unzählige weitere Nachtfahrten, zwei Jahre unterwegs – und jetzt kreuzen wir tatsächlich unseren eigenen Track.
Wir sind Weltumsegler.
Es fühlt sich im ersten Moment fast surreal an. Kein großer Knall, kein spektakulärer Augenblick. Wir schauen uns an, lachen, vielleicht ein bisschen ungläubig. Und gleichzeitig kommt dieses Gefühl von Stolz und vor allem Dankbarkeit. Dafür, dass alles so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Dafür, dass wir diese Reise machen durften und so viele wunderschöne Erlebnisse machen konnten. Und dafür, dass wir sie gemeinsam erlebt haben.
Wir stoßen an – auf dem offenen Meer, zwischen Griechenland und Albanien, irgendwo mitten in diesem unscheinbaren Moment, der für uns so unglaublich groß ist. Um die Weltumsegelung bildlich festzuhalten, fahren wir mit der Sea Pearl einen engen Kreis und nehmen den Moment mit der Drohne auf. Und während wir dort stehen, wird uns bewusst, dass das hier eigentlich schon das erste Ziel war. Die letzten wenigen hundert Meilen nach Kroatien sind jetzt fast schon der Epilog unserer Reise.
Ganz ohne Wehmut geht es aber nicht weiter. Ursprünglich hatten wir geplant, in Korfu noch einmal anzulegen, um Luisa’s Mama dort abzusetzen. Auch wollten wir meine Mutter in Dubrovnik an Bord nehmen. Doch durch die Reparatur in Lefkas ist unser Zeitplan komplett durcheinandergeraten. Wir haben schlicht keine Zeit mehr für Stopps. Also entscheiden wir uns bewusst für einen direkten Schlag nach Kroatien. Zwei Nachtfahrten, einmal quer durch die südliche Adria. Ein letzter längerer Streckenabschnitt – so, wie wir ihn auf dieser Reise so oft gemacht haben. Der Wetterbericht meint es dabei gut mit uns. Es ist zwar wenig Wind vorhergesagt, wir sollten aber ganz gut durchkommen. Nachdem man inzwischen in Kroatien online einklarieren kann und wir auch die Vignette zum Befahren der kroatischen Gewässer online besorgen, müssen wir nicht mehr in einen der offiziellen Port of Entry
Die erste Nacht verläuft ruhig. Kaum Wind, glattes Wasser, ein klarer Himmel über uns. Wir teilen uns wieder die Wachen ein, kommen schnell zurück in den vertrauten Rhythmus aus Schlafen, Steuern und Beobachten. Und wie so oft auf dieser Reise bekommen wir Gesellschaft. Immer wieder tauchen Delphine neben der Sea Pearl auf, begleiten uns teilweise über Stunden, spielen in der Bugwelle, springen neben uns aus dem Wasser. Diese Begegnungen verlieren auch nach so vielen Monaten nichts von ihrer Faszination. Es wirkt fast so, als ob uns die Adria nochmal zeigen will, was für ein schönes Stückchen Meer sie ist.
Der folgende Tag bringt wie angesagt leichten Südwind, genau die richtige Richtung, um etwas Strecke unter Segel zu machen. Es ist entspanntes Vorankommen, einmal mehr baumen wir die Genua aus und lassen uns ziehen. Zeit zum Nachdenken und auch ein bisschen zum Verarbeiten dessen, was hinter uns liegt. Die zweite Nacht hat es dann nochmal in sich. Schon am Abend merken wir, dass sich das Wetter verändert. Der Südwind staut vor dem kroatischen Küstengebirge die warmen und feuchten Luftmassen. Deshalb bringt der in Kroatien Jugo genannte Wind an der Küste oft Regen und an der Grenze der Luftmassen meist Gewitter. Durch diese Front müssen wir jetzt durch. Im Laufe der Nacht haben wir dann auch eine fordernde Mischung aus Gewittern, Winddrehern, Böen und so viel Regen wir schon lange nicht mehr. Nichts wirklich dramatisches, aber ausreichend, um uns in dieser letzten Nacht daran zu erinnern, dass das Meer auch am Ende einer Reise noch seine eigenen Regeln hat und wir wachsam und vorsichtig segeln müssen, um jetzt nicht noch etwas kaputt zu machen.
Innerhalb der kroatischen Inselwelt zwischen Korčula und Vis haben wir dann die Front passiert und segeln im starken Dauerregen, immer noch mit Südwind, in Richtung der Insel Šolta. Die Sicht ist richtig schlecht und wir verlassen uns vor allem auf unser AIS, um im zunehmenden Schiffsverkehr sicher zu navigieren. Und dann – ganz langsam – zeigen sich die uns immer noch vertrauten Umrisse der kroatischen Inseln im Morgengrauen. Dieses Gefühl, zurückzukommen, lässt sich schwer beschreiben. Die letzten Meilen nach Šolta ziehen sich ein wenig. Nicht, weil es schwierig wäre, sondern weil wir an so schönen Orten wie den Inseln Korčula, Vis und auch Hvar vorbeifahren, um mit dieser einen lange Fahrt unseren Zeitplan wieder einzuholen. Etwas schade, dass wir das wunderschöne südliche Kroatien beim Heimkommen auslassen müssen und die schönen Inseln auch beim Vorbeifahren nur in grauem Regenwetter erleben.
Als wir in die Bucht Šešula einlaufen, wartet mein Vater auf seinem Schiff mit meiner Stiefmutter und einem befreundeten Paar schon auf uns. Wie für die enge Bucht üblich schon an einer Boje und mit Heckleinen vertäut. Wir bekommen vom Marinero tatsächlich direkt den Platz daneben – wie schön – und schon von weitem sehen wir bekannte Gesichter. Dieser Empfang ist etwas ganz Besonderes. Nach all der Zeit auf See, nach den vielen Meilen, nach der langen Reise – jetzt hier von Familie empfangen zu werden, ist schon ganz besonders. Es freut uns auch, dass wir direkt an gemeinsame Geschichten unserer Reise anknüpfen können. So hat uns mein Vater auf der Atlantiküberquerung begleitet, ist dann mit uns durch den Panamakanal gefahren und war auch von Thailand bis zu den Malediven mit an Bord. Es fühlt sich rund an, dass er jetzt auch die letzten Meilen in Kroatien begleitet – wenn auch nicht an Bord der Sea Pearl sondern auf dem eigenen Schiff.
Wir machen fest, nehmen uns kurz Zeit, überhaupt wirklich anzukommen – und dann holen wir endlich etwas nach, was eigentlich schon ein paar Tage früher hätte passieren sollen. Wir öffnen eine Flasche Blubberwasser, die wir einmal um die Welt gesegelt haben, und stoßen an. Auf diese 31.000 Seemeilen. Auf die Sea Pearl. Auf alles, was hinter uns liegt.
Am Abend sitzen wir gemeinsam im Restaurant in der Bucht, erzählen, lachen, lassen die letzten Tage noch einmal Revue passieren. Und während wir dort sitzen, lassen wir das Triumphgefühl der erfolgreichen Reise bis hier so langsam durchsickern. Die Weltumsegelung ist vollendet. Und wir sind zurück in Kroatien. Ganz dürfen wir aber unsere Konzentration noch nicht ablegen. Es liegen noch einige Tage mit schönem Flottillensegeln auf unserem Weg zurück nach Pula vor uns. Und wir wollen auch diesen zweiten Meilenstein noch erfolgreich abschließen. Wenn alles so läuft wie geplant, dürfen wir die Sea Pearl genau in den Hafen zurück bringen, in dem wir vor knapp zwei Jahren zu unserer Segelreise gestartet sind.
Ob uns das gelingt und wie die letzten Tage an Bord werden, beschreibe ich wieder hier auf unserem Blog in den nächsten Tagen. Wie immer findest du die Episoden zu diesem Blogeintrag auch auf YouTube im bewegten Bild und die Tagebucheinträge dazu mit Bilder und Storys auf Instagram.
























Nochmals herzlichen Glückwunsch zur vollendeten Weltumsegelung. Auch ich denke sehr gerne an die Abschnitte, die ich Euch begleiten durfte, zurück. Besonders unser „ Abholtreffen“ auf der Insel Šolta war auch für mich ein sehr emotionaler Moment!