Nach unserem Weg durch die Ägäis und anschließend Kanal von Kornith freuen wir uns auf ein bisschen Urlaubssegelei im ionischen Meer. Wir haben Luisas Mutter als Gast an Bord und wollen von Messolonghi aus zuerst die südlichen ionischen Inseln und Lefkas erkunden bevor wir dann vor Korfu unsere eigene Kurslinie kreuzen wollen und damit unsere Weltumsegelung perfekt machen können.
Wir starten die Woche im Hafen von Messolonghi. Der Ort mit seiner Lagunenlandschaft hat uns schon bei der Ankunft überrascht – flach, grün, fast schon ein bisschen wie eine andere Welt innerhalb Griechenlands. Der Morgen der Abfahrt ist ruhig. Kein Stress, keine Hektik. Wir machen die üblichen Handgriffe, legen ab und folgen dem schmalen Fahrwasser hinaus aus der Lagune in Richtung offenes Wasser. Dabei merken wir einmal mehr, wie speziell diese Gegend ist: lange Stangen markieren den Weg, links und rechts flaches Wasser, kaum Bewegung, eine fast schon meditative Stimmung.
Und doch gibt es von Anfang an dieses kleine Detail, das nicht so ganz pa. Beim Einkuppeln fehlt beim ersten Mal der Vortrieb. Etwas ähnliches ist mir beim Anlegen am Abend vorher beim Aufstoppen vor dem Steg auch schon aufgefallen, als ich scheinbar keinen Gegenschub zum Abbremsen gegeben habe. Irgendwie komisch. Es ist nichts Offensichtliches kaputt, aber ich habe ein seltsames Gefühl, wenn scheinbar unsere Kupplung in den Vorwärtsgang nicht mehr sicher schaltet. Der Motor läuft ganz normal hoch, aber das Boot reagiert nicht mehr sofort. Beim nächsten Mal Einkuppeln funktioniert wieder alles normal. Nachdem alles sonst normal funktioniert beschließen wir uns auf die Törnplanung in diesem schönen Inselgarten zu konzentrieren. Das vermeintliche Problem mit der Kupplung beobachten wir weiter. Mehr können wir in diesem Moment ohnehin nicht tun. Die Sea Pearl läuft unter Segel ruhig hinaus ins ionische Meer, und mit zunehmender Distanz zur Lagune rückt das Thema erst einmal wieder in den Hintergrund. Der Wind passt, die Bedingungen sind angenehm, und wir genießen einfach das Gefühl, wieder im offenen Wasser unterwegs zu sein.
Unser erster Schlag führt uns nach Westen, vorbei an den Inseln vor der griechischen Westküste. Im Norden von Ithaka treffen wir bei einem Ankerstopp die französische Girotondo wieder. Eine dieser Begegnungen, die unsere Reise immer wieder prägen. Wir haben uns zuletzt im Sudan gesehen – und plötzlich steht man sich hier, tausende Meilen entfernt, wieder gegenüber. Die Gespräche kommen sofort ins Rollen. Man tauscht sich aus, erzählt von den letzten Etappen und merkt einmal mehr, wie klein diese Welt der Langfahrer eigentlich ist. Um uns herum sind hunderte andere Segelboote unterwegs, aber eben meist für uns recht anonyme Chartersegler. Es macht Spaß sich mit dieser lieben Familie auszutauschen und den Abend zu verquatschen.
Wir genießen den ruhigen Ankerstopp und bereiten uns auf weitere Tage Buchten-Hüpfen und den ein oder anderen schönen Stopp in kleinen griechischen Hafenstädten vor. Wir springen noch einmal ins türkis, glasklare Wasser, treiben neben dem Boot und lassen diese besondere Mischung aus Ruhe und Weite am Morgen an einem Ankerplatz auf uns wirken. Gleichzeitig bleibt im Hinterkopf immer wieder der Gedanke an das komische Verhalten unseres Getriebes. Beim Anlegen, beim Ablegen, bei jedem Einkuppeln achte ich genauer auf das Boot. Und jedes Mal stellt sich die gleiche Frage: war das jetzt normal – oder eben nicht? Irgendwie kann ich den Fehler nicht so recht eingrenzen. Beim Anlegemanöver am nächsten Abend in der Bucht von Sivota an einem der Restaurantstege wird es dann aber doch deutlich. Ich muss mehrfach versuchen aus dem Rückwärtsfahrt den Vorwärtsgang einzulegen, bis er dann endlich fasst und ich die Sea Pearl vor dem Steg aufstoppen kann. Seltsam, dass ich keinerlei untypische Geräusche wahrnehmen kann und auf der Motor nach wie vor rund läuft. Am Steg in Sivota springt Luisa deshalb ins Wasser und untersucht von außen unsere Schiffsschraube. Wir haben eine sogenannten Flexofold-Propeller, also ein System, das die Blätter beim Segeln anlegen kann. Zunächst vermuten wir eine Blockade durch kleine Muscheln oder etwas ähnliches, sodass die Flügel sich nach einem Gangwechsel nicht mehr richtig ausrichten. Luisa findet aber keinerlei Ursachen und auch manuell lassen sich die Flügel des Propellers normal verstellen. Die Situation bleibt diffus. Es funktioniert meistens, aber eben gerade in entscheidenden Situationen, beim Aufstoppen vor einem Steg, jetzt schon eher öfter nicht als doch.
Wir diskutieren lange, wie wir damit umgehen sollen. Einfach weiterfahren, weil ja unter Segel und im normalen Betrieb vorwärts alles funktioniert? Wir könnten so sowohl den Zeitplan unseres Besuchs für den Heimflug einhalten, als auch meine Mutter in Dubrovnik rechtzeitig an Bord nehmen als auch die Weltumsegelung beenden. Aber wenn wir damit einen noch größeren Schaden am Boot provozieren und wo möglich kurz vor dem Ende zur tragischen Figur werden? Wir wollen auf Nummer sicher gehen und kontaktieren deshalb unseren lieben Mechaniker Paolo aus der Charterbasis in Pula. Und seine technische Diagnose kommt schneller als uns lieb ist: verschlissene Kupplungslamellen im Getriebe. Sie greifen nicht mehr zuverlässig, deshalb dreht der Motor teilweise ins Leere, auch wen ich am Ganghebel den Vorwärtsgang einlege. Es erklärt genau das Verhalten, das wir die letzten Tage beobachtet haben. Die Symptome sind dabei erst der Anfang. Bei fortgeschrittenem Verschleiß der Kupplungslamellen kann es sein, dass man den Vorwärtsgang gar nicht mehr einlegen könnte. Für uns würde das heißen, dass wir ohne einer Reparatur jetzt vor Ort dann im Schlimmsten Fall rückwärts durch Kroatien nach Hause fahren müssten.
Die Entscheidung ist damit gefallen. Wir bleiben in Lefkas und versuchen hier, in diesem Hotspot des Segeltourismus mit also vergleichsweise einem guten und engen Angebot an Bootsmechanikern und Yachtausrüstern diesen erneuten Schaden am Getriebe unserer Sea Pearl zu reparieren. Die geplante Zielgerade unserer Weltumsegelung verschiebt sich – und das ausgerechnet in den letzten Wochen. Im ersten Moment ist das natürlich frustrierend. Nach so langer Zeit, nach so vielen Etappen, jetzt noch einmal festgesetzt zu sein, fühlt sich falsch an. Gleichzeitig wissen wir aber auch: Das ist mal wieder eher der richtige Ort für so ein Problem. Und jetzt auf der Zielgeraden noch etwas zu erzwingen – das wollen wir nicht. Die Suche nach einer Lösung beginnt direkt am nächsten Tag. Wir nehmen Kontakt zu lokalen Werkstätten auf, vergleichen Möglichkeiten und bekommen schließlich relativ schnell Unterstützung von einem Mechaniker-Team vor Ort in Lefkas. Schon bei der ersten Untersuchung des Getriebes noch am gleichen Tag an deren Arbeitssteg im Stadthafen von Lefkas bestätigen sie unsere Vermutung. Das Getriebe muss geöffnet werden.
Was dann folgt, überrascht uns zunächst positiv. Die Kupplungslamellen sowie einen dann gleich mit zu tauschenden Schwingungsdämpfer zwischen Motor und Getriebe hat der Reparaturbetrieb sogar lagernd vorrätig. Und man ist auch bereit uns insoweit zu helfen, als dass gleich am kommenden Tag die Arbeiten starten sollen und wir so vielleicht noch den Heimflug von Luisas Mutter ab Korfu mit der Sea Pearl erreichen können. Die Mechaniker machen sich tatsächlich mit Hochdruck zuerst an den Ausbau des Motors, dann an die Öffnung des Saildrives, das ist das Z-Getriebe, das unseren innen liegenden Motor mit der Schraube unter Wasser verbindet und in dem sich die jetzt eben verschlissenen Kupplungslamellen befinden. Die Getriebewelle wird ausgebaut und ist schon am gleichen Abend in deren Werkstatt. Der Zusammenbau dieser schnell drehenden Welle mit einer Vielzahl an Zahnrädern, Konussen, Lagern, Anschlägen und eben dann auch noch beweglichen Teilen wie den eigentlichen Kupplungen ist eine Arbeit die auf den Hundertstel-Millimeter genau ausgeführt werden muss, damit später auch die Getriebewelle mit den neuen Bauteilen exakt zum Rest der Anlage im Boot passt. Am nächsten Tag beginnt wie versprochen der Zusammenbau. Wir stehen daneben, schauen zu, versuchen zu verstehen, was genau passiert. Viele der Handgriffe wirken routiniert, und trotzdem merkt man Allen an, wie viel Präzision und Konzentration hier notwendig ist. Der erste Testlauf bringt dann die emotionale Achterbahn dieser Woche perfekt auf den Punkt. Zunächst läuft alles ruhig. Der Motor startet sauber, das Getriebe kuppelt ein. Erleichterung macht sich breit. Vielleicht war es das schon. Wir hätten einmal mehr einen Schaden an unserer Sea Pearl in Rekordzeit repariert bekommen und könnten unsere Weltumsegelung am kommenden Tag erfolgreich voll machen und Luisas Mama noch rechtzeitig in Korfu abliefern.
Und dann dieser Schlag.
Plötzlich blockiert das Getriebe komplett, der Motor ist abgewürgt. Nichts bewegt sich mehr. Ein kurzer Moment der Stille – und uns ist sofort klar, dass wir jetzt nicht nur ein Problem mit den Kupplungslamellen haben, sondern auf einmal nicht mal mehr in der Lage sind unseren aktuellen Liegeplatz zu verlassen. Wir haben einen veritablen Getriebeschaden und können in diesem Moment nur hoffen, dass nicht viel mehr kaputt gegangen ist. Die Mechaniker erscheinen uns selbst geschockt und beginnen erneut mit der Fehlersuche. Der Motor wird wieder von seinen Fundamenten gehoben, das Getriebe geöffnet und einer macht sich sofort wieder mit der Getriebewelle auf in die Werkstatt. Parallel untersuchen die anderen Mechaniker den Motor und den Rest des Getriebes auf Folgeschäden. Zu unserem großen Glück wird nichts gefunden. Wir sprechen mit dem Chef über mögliche Ursachen, und die Vermutung fällt auf ein fehlerhaft laufendes Lager beziehungsweise ein Problem in der Positionierung der verschiedenen Komponenten der Kupplungswelle zueinander, wodurch eines der empfindlichen Nadellager vielleicht nicht ganz richtig gelaufen ist und sich deshalb schon während des kurzen Probelaufs festgesetzt hat. Ganz sicher sind wir uns über die Ursache nicht. Aber klar ist: Wir brauchen neue Ersatzteile, diesmal keine Kupplungslamellen und Schwingungsdämpfer sondern neue Lager, je zwei vergleichsweise einfache Kugellager und zwei besondere Nadellager, die so wohl nur für Volvo Penta hergestellt werden.
Damit beginnt die schwierigere Phase der Reparatur. Die Mechaniker vor Ort sind selbst frustriert, wir schaffen unsere Termine sicher nicht mehr und leider sind die Nadellager auch auf Lefkas und dem benachbarten Festland nicht verfügbar. Wir setzen also zuerst Luisas Mutter auf eine Fähre nach Korfu, damit Sie am kommenden Tag ihren Heimflug erreichen kann. Anschließend begeben wir uns auf Teilejagd. Wie schon für die Dichtringe unseres Saildrives auf Bali bzw. Lombok, überprüfen wir mit Hilfe der Artikelnummern alle Optionen diese Teile schnell zu uns nach Lefkas zu bekommen. Wir finden zwar die passenden Teile in einem Zentrallager in Athen, eine Lieferung dauert aber mehrere Tage, wir würden also mit dem erneuten Einbau über eine Woche Zeit verlieren. Für uns fühlt sich das endlos an. Also starten wir einen Aufruf in der Segler-Community – und bekommen schon nach wenigen Stunden eine tolle Nachricht von Eberhard und Tina von der SY Shivaya. Sie haben mit unseren Volvo Artikelnummern Kontakt zu einem Mechaniker ihres Winterlagers auf Korfu aufgenommen. Und genau unsere Lager sind dort ebenfalls verfügbar. Nach einem Telefonat mit uns kaufen die beiden die vier Lager für uns auf deren Rechnung – immerhin fast 400 Euro – und segeln die wertvolle Fracht am kommenden Sonntag von Korfu zu uns nach Lefkas. Über die gesamte Reise ist das vielleicht der wertvollste Beitrag, den unsere Online-Präsenz uns während der Reise geboten hat. Ohne die Hilfe der Segler-Community wären wir niemals in so kurzer Zeit an die Ersatzteile gekommen. Weder hätten wir überhaupt von der Existenz der Teile erfahren, noch wären mit normalen Versandoptionen eine so schnelle Lieferung über das Wochenende möglich gewesen. Danke auch an dieser Stelle nochmal an Eberhard und Tina von der SY Shivaya!
Nachdem wir auf die Teile warten müssen und die Sea Pearl ja sowieso nicht bewegen können, organisieren wir uns einen Mietwagen und machen mit dem am Samstagnachmittag und Sonntagfrüh die Insel unsicher. Wir klappern dabei einige der Hotspots ab und freuen uns, dass wir mit Lefkas so einen schönen Ort für die Reparatur erwischt haben. Die Steilküste an der Westseite mit kleinen Kies-Stränden unter riesigen Felswänden gefällt uns genauso gut wie die verwunschenen Bergdörfer oder die schicken Bars zum Sonnenuntergang über den Wolken.
Mit den richtigen Teilen vor Ort beginnt die zweite Reparaturrunde. Ich stehe gleich am Montagmorgen mit den Ersatzteile im Büro der Mechaniker und fordere sie auf sofort mit der zweiten Reparatur unseres Getriebes zu starten. Dieses Mal lassen wir die Mechaniker danach dann aber bewusst komplett in Ruhe arbeiten. Wir wollen als Zuschauer nicht stören, um nicht ein zweites Mal durch irgendeine kleine Ungenauigkeit im Zusammenbau dieses sehr komplexen Bauteils wieder einen Fehler zu erzeugen. Und genau das scheint sich auszuzahlen.
Am Montagabend läuft der Motor wieder. Ruhig, gleichmäßig, ohne Auffälligkeiten. Wir testen vorsichtig, erst am Liegeplatz, dann im Hafenbereich, gehen Schritt für Schritt vor. Mit jedem erfolgreichen Gangwechsel fällt ein Stück Anspannung von uns ab. Wir fahren zu zweit im Abendlicht an die Tankstelle, um die Sea Pearl für den langen und direkten Sprung nach Kroatien vollzutanken und überprüfen dabei nochmal das Getriebe. Leider passt nochmal etwas beim Schalten nicht – wir beordern deshalb den Chef der Mechaniker gleich nochmal per Handy zu uns an Bord, nicht, dass jetzt nochmalig etwas nicht passt. Diesmal lässt sich die Funktion des Getriebes aber mit etwas Feineinstellung an den Seilzügen des Ganghebels justieren. Anschließend geht es immer noch leicht zittrig nochmal für eine Nacht zurück an den Arbeitssteg der Werft. Wir sind gleichzeitig unendlich froh, dass die zweie Reparatur jetzt erfolgreich war, sehr sehr dankbar, über die großartige Hilfe in der Segler-Community und ein wenig angefressen, dass scheinbar nicht gleich beim ersten Reparaturversuch so sauber gearbeitet wurde, dass wir gleich weiter gekommen wären. Dieser zweite Schaden innerhalb einer Woche so kurz vor dem geplanten Ende unserer Weltumsegelung lehrt uns aber auch große Demut, wie viel Glück und positive Zufälle wir während unserer ganzen Reise hatten. Mit einem Danke-Abendessen bedanken wir uns bei der Crew der Shivaya für ihre Unterstützung und verabschieden uns von einigen Followern, die teilweise während der sechs Tage im Hafen von Lefkas zu Freunden wurden. Gleich mit der ersten Brückenöffnung früh um sieben Uhr fahren wir am kommenden Tag durch den Kanal zwischen Lefkas und dem Festland und machen uns auf Richtung Norden. Wir wollen vor Korfu unsere eigene Kurslinie kreuzen und damit unsere Weltumsegelung beenden. Danach soll es dann aber direkt, möglichst non-Stop weiter bis Kroatien gehen, damit wir dort dann unsere Reise mit Freunden und Familie auf weiteren Boote gemeinsam beenden können.
Rückblickend war diese Woche im ionischen Meer ganz anders, als wir es erwartet hatten. Viel weniger Urlaubssegeln und viel mehr Schrauberei am Boot als uns lieb ist. Und trotzdem nehmen wir aus genau dieser Zeit wieder etwas mit, das diese Reise so besonders macht: die Unterstützung anderer Segler, die Hilfsbereitschaft vor Ort und die Erfahrung, dass solche Rückschläge eben auch Teil einer so langen Reise sind und wir davon bisher so oft verschont geblieben sind.
Wie es für uns mit den letzten Nachtfahrten unserer Reise weitergeht und ob das Schicksal und jetzt endlich unsere eigene Kurslinie kreuzen lässt schreibe ich wieder hier auf unserem Blog in den kommenden Tagen. Wie immer gibt es die Erlebnisse in bewegten Bilder auf YouTube, das Video zu diesem Beitrag findet ihr hier. Und die Tagebucheinträge zu unserer damaligen Zeit auf Lefkas findet ihr auf Instagram.







































