Nach der Passage durch den Suezkanal sind wir wieder im Mittelmeer angekommen. Auf dem Papier ist das nur der Wechsel von einem Seegebiet ins nächste. Für uns fühlt es sich aber nach deutlich mehr an. Der Kanal liegt hinter uns, die Routenzwänge des Roten Meeres ebenso, und vor uns liegt endlich wieder ein Revier, in dem wir uns unsere Ziele nach Lust und Laune aussuchen können. Nach den vergangenen Monaten ist schon diese Aussicht für uns ein kleines Geschenk. Im Roten Meer war vieles durch die ständige „Gefahr“ von Nordwinden, wenige sichere Stopps und teils recht starke Einschränkungen durch die jeweiligen Regularien vorgegeben. Jetzt, kaum sind wir im Mittelmeer, entsteht zum ersten Mal seit Langem wieder das Gefühl, dass wir unsere Route nicht nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner aus Wetter und Bürokratie wählen müssen, sondern wieder nach Lust, Neugier und dem, was seglerisch gerade schön und machbar ist.
Mit richtig schönem Segelwind starten wir also die Überfahrt in Richtung Türkei. Der Wind hält nicht ganz bis zur Ankunft durch, aber für den Anfang ist es genau die Art von gemütlichem Start, die wir uns nach den vielen Wochen im Roten Meer gewünscht haben. Segel setzen, das Boot läuft, und schon sind wir wieder in einem Rhythmus an Bord. Insgesamt können wir uns über die Bedingungen dieser ersten mehrtägigen Strecke im Mittelmeer seit Herbst 2021 wirklich nicht beschweren. Nur die erste Nacht fühlt sich ein wenig anstrengend an. Auf einem Am-Wind Kurs schlängeln wir uns durch eine Vielzahl an Bohrinseln und Fördertürmen für Süßwasserquellen durch. Einige davon sind noch ägyptisch-typisch schlecht markiert. Die Abläufe an Bord sitzen zwar, aber wir müssen uns erst mal wieder an eine Nachtfahrt mit ordentlich Krängung und entsprechend schlechtem Schlaf gewöhnen.
Je näher wir der türkischen Küste kommen, desto deutlicher bemerken wir einen Unterschied, der uns gar nicht so bewusst war. Es sind plötzlich wieder unglaublich viele Segelboote unterwegs. Nach den letzten Wochen und Monaten, in denen sich im Roten Meer nur eine recht kleine Gruppe an Fahrtenseglern immer wieder begegnet ist, wirkt das fast schon übervoll. Dazu kommt etwas, das sich für uns zunächst ungewohnt anfühlt: Viele dieser Boote tauchen auf unserem AIS gar nicht auf. Der Grund ist schnell gefunden und typisch für dieses Gebiet. Die Südküste der Türkei ist ein klassisches Charterrevier. Viele Charteryachten haben gar kein AIS an Bord oder nutzen es zumindest nicht in der Form, wie wir Blauwassersegler das gewohnt sind. Auf dem Wasser fühlt sich das dadurch an, als würde man aus einem hochgradig sichtbaren, streng geordneten Verkehrsumfeld in ein chaotisches und anonymes Durcheinander wechseln. Viele Segel am Horizont, viel Bewegung, aber vergleichsweise wenig elektronische Information. Und plötzlich kennen wir nicht mehr jedes andere Boot. Das ist gar nicht dramatisch, aber erst einmal ungewohnt, wenn man über längere Zeit gewohnt war, nahezu jedes Schiff schon auf der Karte zu sehen, bevor man es mit bloßem Auge erkennt.
Als ersten Hafen laufen wir Fethiye an. Der Plan ist zunächst ganz einfach: In der Türkei einklarieren, etwas verproviantieren und überhaupt einmal wieder richtig ankommen. Die Formalitäten sind der notwendige Teil und dank der Hilfe eines Agenten zügig erledigt, danach verlegen wir uns in die große Marina. Und da trifft einen der Ausblick erst einmal mit voller Wucht. Masten, soweit das Auge reicht. Nach den Monaten, in denen Häfen im Roten Meer entweder nicht existiert haben, nicht zugänglich waren oder durch Behörden und Vorgaben eher Arbeit als Erholung bedeuteten, fühlt sich diese Dichte an Booten, Infrastruktur und ganz normalem Segelalltag plötzlich wieder wie Urlaub an. Allein der Gedanke, nicht erst lange überlegen zu müssen, ob ein Hafen anlaufbar, sicher und formal möglich ist, sondern einfach ganz selbstverständlich an einem Steg zu liegen, wirkt auf uns fast schon luxuriös.
Unsere Ankunft in der Türkei ist zunächst gar nicht vom erwarteten Sommergefühl geprägt. Stattdessen ist es überraschend kalt. Auf dem hohen Küstengebirge sehen wir sogar Schnee. Das passt überhaupt nicht zu dem Bild, das viele mit der türkischen Südküste verbinden. Für uns ist es aber ein sehr guter Hinweis darauf, wie vielgestaltig dieser Küstenstreifen ist. Hohe Berge im Hinterland, eine stark gegliederte Küste mit vielen vielen Buchten dafür und vielleicht gerade wegen dieser Vielfalt eine der Brutstätten der ersten Zivilisationen im Mittelmeer.
Nach der Ankunft in Fethiye nehmen wir uns bewusst Zeit für kurze Etappen und bummeln in den Golf von Göcek hinein. Dass dieses Gebiet bei Seglern so beliebt ist, kann man sehr schnell nachvollziehen. Die Distanzen sind kurz, die Buchten sind gut geschützt und je nach Windrichtung findet man fast immer einen Platz, der funktioniert. Dazu kommt eine Infrastruktur, die sich angenehm eng am Segelalltag orientiert. In vielen Buchten gibt es Restaurants oder Anleger, man kann sich versorgen, und gleichzeitig liegt man oft so ruhig, dass der Tag einfach aus Schwimmen, Bootspflege, leckerem Essen und einer kleinen Erkundung besteht. Nach dem Roten Meer fühlt sich das unglaublich frei an. Dort war jeder gute Stopp wertvoll, hier hingegen gibt es plötzlich wieder Auswahl. Dieses Gefühl allein verändert schon die Stimmung an Bord. Vieles wird entspannter, weil nicht mehr jeder Abschnitt die Anspannung mit sich bringt, ob der nächste Halt wirklich klappt und ob die Wettertaktik wirklich aufgeht.
Der Golf von Göcek ist aber nicht nur landschaftlich großartig, sondern auch historisch bedeutsam. Man kommt kaum darum herum, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Rund um den Golf und entlang der südlichen türkischen Küste wurde über Jahrtausende Geschichte geschrieben. In der Antike war der lykische Städtebund eine der prägenden Mächte in dieser Region, also ein Zusammenschluss mehrerer Städte, der politisch und wirtschaftlich eine bedeutende Rolle gegen die großen griechischen Stadtstaaten gespielt hat. Genau diese Verbindung aus schöner Natur, geschütztem Segelrevier und überall herumliegenden Zeitschichten macht für uns den Reiz dieser Gegend aus. Man fährt hier nicht nur von Bucht zu Bucht, sondern immer auch entlang von Landschaften, die seit Jahrtausenden genutzt, besiedelt und kulturell geprägt wurden. Das merkt man manchmal an großen Ruinenstätten, oft aber auch einfach an kleinen Resten von Mauern, Gräbern oder alten Wegen, die ganz selbstverständlich mitten in der Natur auftauchen.
Für den Abend haben wir uns die Bucht „Cleopatras Bath“ ausgesucht und bekommen auf den letzten Metern zum Anleger nochmal ordentliche Fallböen zu spüren, die der außerhalb der Bucht wehende Meltemi durch einen kleinen Sattel schickt. Dank viel Platz am Anleger des tollen Restaurants „Adaia Göcek“ klappt der Anleger aber trotzdem reibungslos. Nachdem wir im Restaurant für Abends einen Tisch reserviert haben und deshalb keine Liegegebühren bezahlen müssen, erkunden wir die Umgebung. Eine Wanderung führt uns nach Lydae, einer der alten Städte dieser Gegend. Die Ruinen sind über 2000 Jahre alt. Unter anderem sehen wir die Reste eines Haupthauses oder Tempels und riesige Rundgräber aus Stein. Auf dem Weg liegen dann noch halbversunkene Ruinen, die heute als Ziel für Tagesausflüge unter dem Namen Kleopatras Bad vermarktet werden. Vermutlich ist der Name heute aber eher ein Marketing-Gag. Trotzdem kann man sich auch heute noch vorstellen, warum gerade an diesem schönen Ort eine Villa am Meer gebaut wurde. Perfekt geschützt, türkises Wasser davor, Sichere Ankerplätze für die Schiffe und Zikaden in den Zypressen dahinter. Wirklich schön. Trotz der historischen Relevanz dieses Ortes wundert es uns, dass außer dem Hinweis auf die halbversunkene Villa nichts ausgeschildert oder erklärt ist. Wir holen uns unsere Infos aus Google und Wikipedia, scheinbar gibt es hier so viel zu sehen, dass Lydae noch nicht touristisch genutzt wird. Man läuft zwischen Bäumen, schaut aufs Wasser und steht plötzlich vor Resten einer Welt, die so alt ist, dass man leicht vergisst, wie viele Generationen hier schon gelebt, gehandelt und gereist haben. Nach der rund neun Kilometer langen Wanderung ist das Abendessen mit Blick auf die Sea Pearl dann vor allem eines: sehr verdient und sehr lecker. Wir haben uns sehr auf diese Kombination aus einfachen Segeletappen in Verbindung mit etwas Geschichte, kleinen Erkundungen an Land und dem leckeren Essen im Mittelmeer gesehnt. Wir merken beide, wie gut uns diese Form von Normalität tut. Unser Zuhause fährt mit uns mit und wir haben alle Freiheiten von dieser Basis aus unsere schöne Welt zu erkunden.
In den folgenden Tagen schiebt uns der inzwischen etwas schwächere Meltemi weiter von Bucht zu Bucht. Auch wenn das Wasser noch ziemlich kalt ist, laden die Farben und die Klarheit des Wassers eigentlich ständig dazu ein, trotzdem hinein zu springen. In der Tomb Bay interessieren uns vor allem die Felsengräber, die dort in die Hänge eingelassen sind und nach allem, was man über diese Gegend weiß, zeitlich sogar noch weiter zurückreichen als die Ruinen von Lydae. Einen wirklich sinnvollen Weg dorthin finden wir nicht, also bleibt es beim Schauen aus der Distanz. Aber auch das ist typisch für diese Küste. Selbst wenn man nicht überall hin gelangt, ist fast jede Bucht schon für sich genommen voller Geschichte. Oft reicht schon ein Blick an Land, um wieder einen Hinweis darauf zu bekommen, dass hier seit sehr langer Zeit Menschen unterwegs waren.
Irgendwann geht es dann wieder aus dem Golf von Göcek hinaus und weiter nach Westen, in die My Marina in Akinci. Nach einer eher flauen ersten Tageshälfte bekommen wir genau den richtigen Wind für eine kurze, schöne Segeletappe. Grund für den Stopp ist der nebenan in einem großen Delta mündende Dalyan River. Wir stehen deshalb früh auf und organisieren uns eine Bootstour. Schon der Weg dorthin ist schön. Es geht vorbei an Steilklippen und an langen Sandstränden, die Schildkröten zur Eiablage nutzen. Unterwegs zeigt uns der Kapitän noch eine kleine Höhle mit einem Durchbruch auf der anderen Seite. Dann wird das Wasser flacher, verändert die Farbe und wir fahren hinein in das Delta des Dalyan-Flusses. Im Delta herrscht eine ganz eigene Stimmung. Das Wasser wird ruhiger, die Landschaft ist ganz flach und neben den Wasserwegen wächst meterhoch das Schilf. Das Ziel selbst ist Kaunos. Die antike Stadt war in griechischer Zeit ein wichtiger Hafen und wurde damals von der gegenüberliegenden Insel Rhodos aus kontrolliert. Heute sieht man dort Tempel aus griechischer und römischer Zeit, frühe christliche Kirchen und vor allem ein großes Amphitheater, das den früheren Wohlstand der Stadt gut erahnen lässt. Dieser Wohlstand hing offenbar stark mit dem fruchtbaren Umland und den reichen landwirtschaftlichen Erträgen zusammen. Gerade dieser Zusammenhang aus Hafenlage, Landwirtschaft und Handel wird an solchen Orten sehr greifbar. Man steht in den Ruinen, schaut über das Delta und versteht plötzlich ziemlich gut, warum an genau dieser Stelle einmal eine bedeutende Stadt entstanden ist. Es ist toll, dass wir hier die Frühgeschichte so hautnah und quasi auf Schritt und Tritt erleben können. Vom Gipfel der frühere Akropolis, also dem Hügel, auf dem die frühzeitliche Stadt gebaut wurde, sehen wir am Gegenhang dann die Felsengräber der karischen Siedlung Dalyan aus vorgriechischer Zeit. Später fahren wir mit dem Boot noch einmal ganz nah daran vorbei. Diese Gräber hoch in der Felswand gehören für uns zu den eindrücklichsten Bildern dieses Abschnitts. Einmal mehr machen wir uns bewusst, wie lange hier schon Menschen siedeln und welches Privileg wir haben, das alles zu erleben.
Nach dem Ausflug arbeiten wir uns entlang der Küste weiter nach Westen. Am Nachmittag können wir in einer leichten thermischen Brise noch ein wenig segeln. Wir laufen eine Bucht an, machen an einem Restaurantanleger fest und haben einen ruhigen Abend. Auch das gehört zu diesem Revier in der südlichen Türkei dazu. Vieles ist nah beieinander, man muss keine riesigen Distanzen machen und kann deshalb Tage erleben, die gleichzeitig abwechslungsreich und entspannt sind. Für uns ist das genau die richtige Form von Unterwegssein nach den vergangenen Monaten. Am nächsten Morgen erkunden wir noch die über der Bucht liegende Zitadelle, die – wie Kaunos – ebenfalls noch aus der Zeit der Vorherrschaft von Rhodos stammt.
Danach erleben wir dann ein nautisches und politisches Kuriosum. Auf unserem weiteren Weg nach Westen liegen mitten in der türkischen Bucht zwei griechische Inseln. Ohne vorher aus- und danach wieder einzuklarieren, dürfen wir da aber leider nicht an Land gehen. Wir wollen aber nicht den riesigen Umweg innerhalb der türkischen Hoheitsgewässer, quasi „innen entlang“ segeln. Wir holen also kurz die türkische Gastlandflagge ein, fahren unter griechischer Flagge an den Inseln vorbei und hissen dann wieder in türkischen Gewässer wieder die richtige Gastlandflagge. Kontrolliert oder von einer der patrouillierenden Küstenwachen angefunkt werden wir nicht. Wir sind wohl nicht die Einzigen, die das hier so machen. Wir hätten aber sowohl wegen der anstehenden Wettervorhersage mit stärkerem Meltemi als auch mit anstehendem Familienbesuch in drei Tagen auf der griechischen Insel Kos sowieso nicht anhalten können. So bleibt etwas für den nächsten Charter-Sommertörn nach unserer Reise.
An diesem Abend ankern wir dann auch das erste Mal seit Saudi-Arabien wieder frei. Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit, ist für uns aber tatsächlich aber ein sehr schöner Moment. Nach Wochen mit Marinas, Stegen, Einklarierungsregeln und ganz unterschiedlichen bürokratischen Rahmenbedingungen fühlt sich einfach irgendwo ankern zu dürfen wieder nach Freiheit und ein Stück nach dem gewohnten Langfahrtleben an. Kein Festmachen an Land, keine Stegorganisation, kein Formular. Einfach den Anker fallen lassen, schauen, ob er gut hält, und dann das Gefühl genießen, einfach angekommen zu sein. Und wir erleben diesen besonders ruhigen Abend im historischen Hafen von Knidos. Weil wir spät ankommen und gleich am nächsten Tag weiterwollen, erkunden wir die Ruinen nur mit der Drohne von Bord aus und machen es uns dann mit leckeren Nudeln und einem guten Glas Wein auf der Sea Pearl gemütlich. Mit einem tollen Segeltag nach Bodrum läuten wir dann das Ende unserer Zeit in der Türkei ein.
Bodrum selbst ist eine große Touristenstadt mit einer riesigen und leider auch ziemlich teuren Marina. Wir wollen dort am nächsten Vormittag aus der Türkei ausklarieren. Der Preisunterschied zwischen den verschiedenen Marinas während dieses Abschnitts ist dabei durchaus bemerkenswert. In Fethiye lagen wir noch bei 92 Euro, in der nobleren My Marina bei 42 Euro, und in Bodrum stehen plötzlich 204 Euro für eine Nacht auf der Liste. Schon heftig, und wir sind froh, dass wir während unserer Reise nur in den seltensten Fällen solche krassen Hafengebühren zahlen mussten. Trotz der vielen Touristen finden wir in Bodrum aber einige wirklich schöne Ecken. Und auch wenn die Ausklarierung am nächsten Tag ganz schön aufwändig ist, bleibt für uns vor allem das wieder einfache Segelgefühl hängen. Die Türkei hat uns nach dem Roten Meer mit einem ausgesprochen seglerfreundlichen Revier empfangen. Kurze Etappen, viele geschützte Buchten, gutes Essen und dazu ganz viel Geschichte, die man gar nicht aktiv suchen muss, weil sie einfach überall, in jeder Bucht irgendwie präsent ist. Für uns war dieser Abschnitt deshalb weit mehr als nur der Weg vom Suezkanal zu den ersten griechischen Inseln. Es war auch das langsame Zurückfinden in ein in vieler Hinsicht vertrauteres Segeln im Mittelmeer mit all den Annehmlichkeiten von guter Infrastruktur, gutem Essen und jeder Menge zum Erkunden – aber auch ganz schön hohen Preisen.
Wie es für uns auf den ersten griechischen Inseln weitergeht und wie sich der nächste Abschnitt unserer Reise anfühlt, erzähle ich euch dann wieder hier im nächsten Blogeintrag. Wenn ihr unsere Zeit in der Türkei auch in bewegten Bildern nacherleben wollt, dann könnt ihr das auf YouTube. Und die bebilderten Tagebucheinträge der Reise findet ihr auf Instagram.












































