Zum Inhalt springen

Obst satt auf den Marquesas

  • von

Die Inselgruppe der Marquesas liegt ganz im Osten des Staatsgebietes von französisch Polynesien und ist damit der logische (weil „nächstgelegene“) Landfall nach der Pazifiküberquerung. Die Inseln sind erdgeschichtlich so jung, dass es hier noch keine Inseln mit umfassenden Korallenriffen gibt und schon gar keine Atolle. Stattdessen ragen die ehemals vulkanischen Inseln als steile und ziemlich grobe Felsblöcke aus dem Meer. Überall wo es zu steil oder im Windschatten der hohen Berge zu trocken ist, gleichen die Inseln eher den rauen Galápagos, als unserer Vorstellung vom Südsee-Klischee. Aber wenn die Natur kann, sind die Inseln so fruchtbar, dass alles überbordend wächst. In den Tälern und entsprechend rund um die Ortschaften und Ankerbuchten ist es grün über grün. Die Bäume und irgendwie alles wirkt auf uns wie überdüngt, so groß ist es. Ebenfalls auffällig sind die Menschen. Auffällig freundlich, auffällig unaufdringlich und auffällig auffällig. Man sieht es den Polynesiern an, dass es zur Besiedlung solcher weit entfernten Inseln gegen die vorherrschende Windrichtung mit Auslegerkanus von Tonga oder Fiji oder noch weiter im Westen starke/zähe Menschen gebaucht hat, und sicherlich wurden auch nur solche auf eine solche Expedition geschickt, denen das entsendende Volk auch zugetraut hat die Reise zu überstehen und erfolgreich eine neue Siedlung zu gründen. Es ist auffällig wie groß in allen Dimensionen Männer und Frauen sind. Und auch die Kultur und einfach alles am Zusammenleben ist so anders als in Mittelamerika oder der Karibik. Nachdem es früher das Konzept von Grundbesitz auf den Inseln nicht gegeben hat, ist auch heute noch jeder pauschal willkommen und wird nach Hause eingeladen. Zur Einladung gibt es dann oft noch Geschenke aus dem üppigen Garten. Und es wird eben keine Gegenleistung erwartet. Auch ist die Kontaktaufnahme selten der Auftakt zu einem Gespräch über „das Geschäft“, wie leider allzuoft in der Karibik. Hier bekommen wir mehrfach glaubhaft den Eindruck, dass man einfach mit dem anderen Menschen sprechen will, seine Geschichte erzählen, die eigene wiedergeben und freundlich sein um der Freundlichkeit Willen. Alles und jeder strahlt eine unglaubliche Gelassenheit und Herzlichkeit aus. Obwohl die Natur der Inseln so anders ist, als wir das von der Südsee und den entsprechenden Klischees erwartet hatten, fühlen wir uns wirklich im Paradies angekommen.

Die Marquesas bestehen aus acht größeren und einigen kleineren Inseln. Alle sind vulkanischen Ursprungs und eben ohne umgebende Korallenriffe, dafür mit beeindruckenden Steilwänden, Wasserfällen und tief eingeschnittenen Buchten. Die Besiedlung hat wohl (ganz sicher bin ich mir da aber nicht) erst zwischen 1500-1600 stattgefunden und es war mal wieder James Cook, der die Inseln als erster Europäer entdeckt hat. Wie in ganz französisch Polynesien war der europäische/westliche Einfluss hier eher religiöser und politischer Natur. Weniger bis kaum wurden die Inseln als Kolonien zu Erzeugung von Waren, wie in der ganzen Karibik, genutzt. Die religiöse Kolonialisierung hat dazu geführt, dass ganz französisch Polynesien und viele andere Staaten/Inseln im Südpazifik christlich geworden sind. Die alten Natur- und Stammesreligionen und auch das Konzept des „Mana“, also der Anhäufung von göttlicher Energie während und nach Lebzeiten, leben und lebten aber oft weiter. Heute wird den Missionaren oft vorgeworfen, dass durch die europäisch prüde Erziehung die früher wohl noch offenere und zuvorkommende Kultur Polynesiens auf dem Rückzug ist. Nachdem die Europäer zwar als militärische Macht und eben vor allem Missionare aufgetreten sind, aber, mit Ausnahme von ein paar Kämpfen nach Streitigkeiten zwischen dem gerade ankernden Schiff und dem jeweiligen Dorf, nie kriegerisch tätig waren und auch die Bevölkerung nicht versklavt wurde, ist Frankreich heute noch die ordnende Schutzmacht und weniger die negativ beladene Kolonialmacht. Das zeigt sich auch daran, dass fast alle Polizisten, die wir treffen, Franzosen sind, die für einige Monate oder Jahre hierher versetzt werden.

Morgenstimmung an Deck
Die Ankerbucht von Atuona
Blick auf das Dorf Atuona im nächsten Tal
Luisa mit schöner Frangipani auf dem Friedhof mit Ausblick
Die Aranui V ist ein kombiniertes Fracht- und Kreuzfahrtschiff und versorgt alle außen liegenden Inseln

Von den acht Inseln haben wir uns drei zur Erkundung vorgenommen.

Hiva Oa als Startpunkt. Hier kommen wir nach der Pazifiküberquerung in Atuona an. An den Folgetagen organisieren wir uns einen Mietwagen, um die Insel zu erkunden. Hier nehmen wir auch Julia, Marcos Freundin, an Bord, die uns mit dem Flugzeug hinterher geflogen ist und erkunden ab sofort die Inselwelt bis Tahiti zu viert. Nach Klar-Schiff machen nach der Überfahrt, etwas organisieren wie Wäschemachen, Handykarten, Lebensmittel und Diesel, machen wir einen Roadtrip über die Insel. Wir erkunden dabei die Nordostküste und fühlen uns manchmal an die Kanaren erinnert. Mehrere hundert Meter hohe Felswände stürzen fast senkrecht ins Meer. Dazwischen fruchtbare Täler mit ein paar Häusern und Palmen im Wind. Und ausschließlich schwarze Strände dank dem vulkanischen Erbe der Inseln. Am Endpunkt der Straße im Dorf Puamau stellen wir den süßen Mietwagen ab und wandern zu einem Marae. Das sind die Kultstätten der alten Polynesier und bei uns wohl am besten mit einer Mischung aus Dorfplatz, Kirche und Rathaus beschreibbar. Hier haben die Häuptlinge Hof gehalten, es fanden Dorfversammlungen statt und sowohl den lebenden Häuptlingen als auch den als Tikis verehrten Halbgöttern (meist früher wichtige Persönlichkeiten des Dorfes oder der Insel) wurden Opfer gebracht, um sie milde zu stimmen oder/und, um mehr Mana zu erhalten. Über der Anlage liegt eine beeindruckende Stimmung. Wohl aber vor allem aufgrund ihres Platzes genau im Rund eines beeindruckenden Talabachlusses. Von den ehemaligen Plattformen ist leider nicht mehr viel zu sehen. Und die Tikis sind zwar restauriert und stehen jetzt unter kleinen Dächern zum Schutz vor der Witterung, ich habe mir aber unter dem größten Tiki der Marquesas etwas Anderes/Beeindruckenderes vorgestellt.

Die Stelle des Marae von Paumau
Der „größte“ Tiki auf Hiva Oa
Copra ist getrocknetes Kokosnussfleich, aus dem dann Öl gewonnen wird

Anschließend erkunden wir außerdem noch den Hauptort Atuona mit einem ausnehmend schön gelegenen Friedhof mit Blick über die ganze Bucht, auf dem Paul Gaugin und Jacques Brel begraben sind. Die beiden französischen Künstler haben nämlich hier auf Hiva Oa ihre jeweilige Utopie gesucht und teilweise auch selbst erschaffen. Am kommenden Tag fahren wir dann nochmal auf die andere Inselseite nach Hanaiapa. Hier ist die polynesischen Gastfreundschaft wohl noch am ursprünglichsten vorhanden. Wir wollen den Ort unter anderem deshalb besichtigen, weil es hier eine Vanille Farm gibt. Die finden wir aber nicht und fragen deshalb etwas rum. Uns bringt das Fragen dann zu einem netten Herrn, der uns erstmal auf seinem Roller vorfährt, damit wir das Haus finden. Der Vanilleplantagen-Betreiber (es ist eher der Garten hinter seinem Haus) erklärt uns dann, dass man die Blüte künstlich bestäuben muss, damit sich dann aus dem Stengel der Blüte auch die Vanilleschote entwickelt, die dann möglichst langsam und schonend getrocknet wird. Wir kaufen für knapp über 80 Cent natürlich auch gleich ein paar Stangen für die nächsten Abendessen an Bord. Unser Guide sieht uns am Weg zum Strand nochmal an seinem Haus vorbeikommen und winkt uns in den Garten. Ob wir denn Obst bräuchten. Wir sagen von Herzen ja, sind doch unsere Obstnetze nach der Passage noch leer. Wir bekommen dann von ihm einen Karton mit zwölf zuckersüßen Pampelmusen, zwei Stauden Bananen in verschiedenen Reifegraden und Kokosnüsse. Und weil wir wenigstens etwas bezahlen wollen, sind wir danach fast schon Mitglieder der Familie. Unten am wirklich schönen Strand des Dorfes sehen wir einige Jungs beim Grillen eines Spanferkels. Auch hier zahlen wir zwar eine Kleinigkeit, sind dann aber mit dabei – Spanferkel frisch vom Grill mit Reis und Süßkartoffel und ein bisschen Barbecue-Soße bekommt man bei uns wohl eher nicht zu essen. Und das mit dem Ausblick auf eine ruhige Bucht am schwarzen Strand mit Felswänden links und rechts. Der Ausflug in das Dorf hat sich wirklich gelohnt. Wir genießen noch ein wenig die Stimmung, bevor wir uns zurück zur Sea Pearl aufmachen und die Weiterfahrt zur nächsten Insel vorbereiten und besprechen.

In Hapatoni bekommen wir Obst
Spanferkel vom Grill am Strand von Hapatoni
Unsere Vanille-Ausbeute
Die Sea Pearl ist beladen mit dem Obst aus Hapatoni
Luisa steuert uns zur nächsten Insel – Tahuata

Mit einem kurzen zwölf Meilen Hüpfer fahren wir am kommenden Tag bei angenehmem Wind nach Tahuata in die Bucht vor dem Ort Hapatoni. Die Insel ist schon im Vorbeifahren schön, auch weil es hier den einzigen weißen Sandstrand der Marquesas gibt. Beim Einbiegen in die Bucht und langsamen Motoren zum Ankerplatz bleibt uns dann aber der Mund offen stehen. Wir steuern in strahlendstem Wasser auf eine deutlich über 500 Meter hohe grüne Wand zu. Im Tal zu unserer Rechten liegen die Häuser oder Hütten des Dorfes und am Ankerplatz links unter der Wand schwoien schon drei andere Schiffe. Je weiter wir einfahren, desto cooler wird es. Erst begrüßt uns eine Familie Delfine (die wir in den kommenden Tagen noch mehrfach auch direkt am Boot sehen) und im Ankermanöver schaut ein Mantarochen so nah am Boot, ob wir auch alles richtig machen, dass wir ihn ohne Schnorchelbrille einfach so sehen können.

Sea Pearl ankert vor einer beeindruckenden Steilwand
Abendstimung vor Tahuata
Kleine Dorfkirche auf Tahuata
Der Ort ist ein Zentrum der polynesischen Schnitzkunst
Der Ort ist ein Zentrum der polynesischen Schnitzkunst
Ein Manta schaut am Boot vorbei

Hier entscheiden wir mal zwei Tage zu bleiben, so krass schön ist es. Wir schnorcheln mit dem Manta, erkunden die Felsformationen unter Wasser, beobachten die Delfine bei der morgendlichen und abendliche Jagd rund um die Boote und machen einen Abstecher mit dem Beiboot ins Dorf. Das Dorf ist ein Zentrum für Schnitzkunst. Auf den Marquesas werden aus allen möglichen Materialien (verschiedene Hölzer, Knochen, Fischbein oder Stein) typische Kunstwerke wie Tikis, rituelle Speere, Angelhaken oder Paddel und auch einfach Kunsthandwerk wie Schalen oder Anhänger angeboten. In Tahiti wird das in regelrechten Nobel-Boutiquen an vermögende Touristen verkauft. Uns sind aber die Preise selbst hier direkt vom Künstler immer noch zu happig. Und so freuen wir uns, dass uns die kunstvollen Stücke gezeigt und erklärt werden und wir beim Spaziergang durch das Dorf dann sogar noch eine der Werkstätten (eher der Balkon des Wohnhauses mit Blick auf die Bucht) besuchen dürfen. Wieder liegt über alle dem eine Gelassenheit und Idylle, die schwer in Worte zu fassen ist.

Luisas Kopfsprung vor dem einzigen weißen Sandstrand der Marquesas
Die Sea Pearl in der Nordwest-Bucht von Hiva Oa
Julia und Luisa posen in der Süßwasseroase
Schnitzkunst aus den Marquesas – diesmal in Stein

Nach diesem tollen Ankommen und Genießen fahren wir mit einem kurzen Stopp am einzigen weißen Sandstrand der Marquesas und einem weiteren Spätnachmittagsstopp an der Nordwestecke von Hiva Oa bei einer Süßwasseroase mit in sonst schroffer Felslandschaft über Nacht zur Insel Nuku Hiva. Auch wenn die meisten Einwohner auf der Nachbarinsel Ua-Pou leben, so gilt Nuku Hiva doch als Hauptinsel des Archipels. Auch deshalb, weil die weite Bucht von Taiohae viele Möglichkeiten zum Ankern bietet uns vor den vorherrschenden Windrichtungen gut geschützt ist. Trotzdem läuft Schwell in die Bucht, was für uns das Liegen vor Anker nicht angenehm macht. Diese Bucht ist aber der Hauptanlaufpunkt für Segler auf den Inseln und hat wohl die beste Infrastruktur (wobei man das hier in Anführungszeichen setzen muss) für Reparaturen und Ähnliches. Viele Crews wählen diese Bucht deshalb als erstes Ziel nach der Pazifiküberquerung. Wir treffen hier Denise und Robert von der Invictus und Kathi und Jürg von der Stella Maris wieder. Beide Boote waren Teil unserer Satellitentelefon-E-Mail Gruppe während der Überfahrt. Einmal mehr wird uns überdeutlich gezeigt, wie viel Glück wir mit dem bisher recht reibungslosen Verlauf unserer Reise haben. Auf Invictus ist nach etwas unter der Hälfte der Strecke über den Pazifik der hydraulische Autopilot ausgefallen. Ohne Chance auf Reparatur der Hydraulik draußen am Ozean mussten Denise und Robert 1500 Meilen von Hand steuern. Tag und Nacht steht einer am Ruder und versucht in großen Ozeanwellen das Schiff auf Kurs zu halten.  Wir finden es absolut bewundernswert, dass die beiden so durchgehalten haben und ohne Hilfe von außen (noch dazu in stolzem Alter von 75) gut angekommen sind. Aber die Anstrengung und Anspannung steht den beiden auch vier Tage nach der Ankunft noch so ins Gesicht geschrieben, dass eine normale Konversation fast nicht möglich ist. Wir sind überglücklich, dass uns solche Themen bisher *toitoitoi* erspart geblieben sind.

In Nuku Hiva bekommen wir die Flagge der „South Pacific Posse“
Mittagessen mit den anderen Booten unserer „Pazifikgruppe“
Strand von Nuku Hiva

Nach diesem Austausch mit Gleichgesinnten und Bekannten stocken wir in den Supermärkten unsere Vorräte auf und treffen beim Einsteigen ins Dinghy die junge dänische Crew der Norr. Die haben das gleiche Ziel für den Abend, wie wir, nämlich die Nachbarbucht, die eng und fast fiordartig eingeschnitten besser vor dem Schwell geschützt sein soll als Taiohae/der Hauptort. Kurz nach der Norr gehen auch wir Anker auf und segeln das kurze Stück um die Ecke. Und wirklich, die Bucht ist so versteckt, dass man vom Meer aus zunächst nicht glaubt, dass es da überhaupt irgendwo zwischen den Felswänden hindurch geht. Wieder einmal überrascht uns die Natur der Marquesas durch raue Formationen. Auf der Wanderung mit den Dänen zum höchsten Wasserfall der Marquesas am nächsten Morgen, treffen wir am Weg einmal mehr freundliche Einheimische, die aber zumindest deutlich machen, dass die Instandhaltung des Weges eine Eintrittsgebühr notwendig macht. Die Wanderung ist toll, immer entlang und teilweise durch den Fluss. Der Wasserfall selbst enttäuscht dann aber etwas. Das Becken ist schlammbraun, am Ufer verwest ein Kadaver einer Ziege oder eines Hundes und ganz so hoch wie wir ihn uns ausgemalt haben, ist der Wasserfall auch nicht. Naja – die Gespräche auf der Wanderung entschädigen.

Einfahrt in die Ankerbucht
Wir wandern mit einem dänischen Boot zu einem Wasserfall
Bergkulisse rund um die Sea Pearl
Luisa mit der seltsam geformten Frucht eines der exotischen Bäume
Ein Ziegenfell hängt zum trocknen in der Sonne
Bergkulisse am Weg zum Wasserfall

Gleich im Anschluss machen wir uns auf eine dreitägige Überfahrt nach Süden zur nächsten Inselgruppe innerhalb französisch Polynesiens. Da erwarten uns dann wirklich Südseeklischees.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.