Nach unserem Weg durch die Ägäis segeln wir weiter nach Westen. Hinter uns liegen Mykonos und Delos mit ihren starken Bildern aus Licht, Architektur und Geschichte. Vor uns wartet mit dem Saronischen Golf ein richtig entspanntes Revier. Die Entfernungen zwischen den Inseln sind viel kürzer und der Einfluss des Meltemi ist nicht mehr so stark. Segeln ist also viel entspannter und auch einfacher zu Planen. Außerdem sind die Inseln südlich von Athen deutlich dichter besiedelt, super an die Infrastruktur der Hauptstadt angebunden – was uns noch viel helfen wird – und eben ein klassisches Urlaubs- und Charterrevier.
Nach einer entspannten Am-Wind Überfahrt mit tollen Segelbedingungen ist unser erster Stopp im Saronischen Golf ist Poros. Die Insel ist nur durch eine schmale, fast schon flussartige, Wasserstraße vom Festland getrennt. Entlang dieses „Flussufers“ ziehen sich an der schönen Promenade die Liegeplätze vor Buganker oder Moorings entlang. Ein einzigartiger Hafen, an dem wir genau vor einem Restaurant einen Liegeplatz ergattern. Es ist viel los, Chartercrews, andere Langfahrer, Fähren zum Festland und die lokalen Fischer und Dauerlieger. Ein Segler des großen Charterkatamarans, der neben uns anlegt, erkennt uns dabei von Instagram und YouTube und wir werden auf ein Bier an Bord eingeladen – eine schöne Geste, die uns in den Charterrevieren des Mittelmeers jetzt öfter passiert. Der Ort hat dabei ein besonderes Flair. Vor allem, weil er irgendwie nur aus Hafen besteht. Im Sonnenuntergang spazieren wir auf den Kirchberg, genießen das Panorama und lassen uns dann leckere griechisches Essen mit Blick auf die Sea Pearl schmecken.
Unser nächstes Ziel im Saronischen Golf ist Aegina. Die Insel liegt nur wenige Seemeilen vor Athen und ist entsprechend gut besucht. Trotzdem wirkt sie auf uns irgendwie originaler als die touristischen Zentren der Kykladen. Im Hafen ist wieder viel los. Wir brauchen dabei zwei Anläufe, bis unser Buganker im schlammigen Boden richtig gefasst hat. Irgendwie ärgerlich – wir wollen es doch mit so viel Erfahrung jetzt „gescheit“ machen. Das eigentliche Problem, das uns aber auf die Stimmung drückt, ist uns schon kurz nach dem Ablegen aus Poros aufgefallen. Beim Gang aufs Vorschiff zum Aufräumen der Fender entdecke ich an der Steuerbord-Unterwant eine gebrochene Litze. Obwohl nur eine Litze gebrochen ist und der Mast noch stabil steht, können wir das Problem nicht auf die leichte Schulter nehmen. Diese Wanten halten den Mast seitlich in Position. Wenn dort einzelne Drähte brechen, deutet das entweder auf Überlastung oder Materialermüdung hin und eine weitere Belastung kann dann zum Bruch des kompletten Want führen und damit dann die Stabilität des Masts gefährden. Vermutlich war unser sehr sportlicher Segeltag von Mykonos nach Kithnos das kleine bisschen „zu Viel“ für die Unterwanten, die gerade beim Segeln in und gegen die Welle hohe Kräfte durch das Aussteifen des pumpenden/schwingenden Masts aufnehmen müssen. In jedem Fall ist klar: So wollen und können wir nicht weiterfahren. Wir brauchen möglichst sofort eine Lösung, auch weil am gleichen Tag Luisas Mutter zu Besuch an Bord kommt und wir dann drei Tage später unsere Passage durch den Kanal von Korinth gebucht haben.
Wir telefonieren, überlegen, wägen Optionen ab. Die Suchfunktionen auf den Handys und aktivierte Kontakte per Telefon laufen gleichzeitig heiß. Vielleicht ist also auch der fehlende Fokus auf das Ankermanöver, weil unser Kopf gerade wo anders steht, der Grund für den zweiten Anlauf. Wie schon so oft auf unserer Reise haben wir ganz viel Glück. Noch bevor wir Aegina festmachen, meldet sich ein Kontakt bei uns und stellt den Kontakt zu einem Rigger her. Wenige Stunden später steht Nikos bei uns an Bord, misst die Wanten aus, schaut sich die gesamte Konstruktion an und macht uns Mut, dass er das hier direkt auf Aegina lösen kann. Dass das tatsächlich klappt, hätten wir in diesem Moment noch nicht gedacht. Unser Plan war ursprünglich, die Reparatur in einem der großen Seglerstützpunkte weiter westlich, schon im Ionischen Meer, zu machen. Wir hätten dann aber bis dahin wohl nicht mehr segeln können, sondern zur Materialschonung alles motoren müssen. Aber es fügt sich irgendwie einfach alles zusammen. Nikos organisiert die Drahtseile in der richtigen Spezifikation für unsere Unterwanten, lässt sie gleich am nächsten Tag am Festland auf die exakte Länge fertigen und die entsprechenden Terminals aufpressen. Mit der Fähre werden unsere Ersatzwanten dann am Nachmittag des nächsten Tages schon auf die Insel gebracht.
Während wir auf die neuen Teile warten, nutzen wir die Zeit, die Insel zu erkunden. Über dem Hafen liegt das Kap Kolona mit den Resten eines antiken Apollon-Heiligtums. Aegina war schon lange vor Athen ein bedeutendes Handelszentrum im Mittelmeer. Hier wurden vermutlich einige der ersten Münzen überhaupt geprägt, um den Handel zu vereinfachen. Heute ist Aegina vor allem für Pistazien bekannt. Angeblich kommen die Besten des Mittelmeers von dieser Insel – und natürlich nehmen wir uns davon einige als Snacks mit an Bord.
Am nächsten Tag scheint zunächst alles nach Plan zu laufen. Die neuen Wanten sind fertig, wir fahren zu einer kleinen Werft an der Nordküste der Insel und wir beginnen mit dem Einbau. Doch dann stellt sich heraus, dass die neuen Spanner ein anderes Gewinde, linksdrehend statt rechtsdrehend, haben als vorgesehen. Ein kleines Detail mit großer Wirkung. Wir müssen die Arbeit unterbrechen und die Wanten ein weiteres Mal fertigen lassen – dann eben mit neuem Gewinde. Wir verschieben also unsere Weiterfahrt und verbringen eine weitere Nacht vor Anker. Schön, dass Luisas Mutter schon mehrmals an Bord war, also die Planänderungen, die bei einer Segelreise halt manchmal dazu gehören, inzwischen kennt und wir trotzdem so eine entspannte Zeit zu dritt an Bord haben.
Am Ende dauert es trotzdem nur zwei Tage, bis alles passt. Zwei Tage, in denen wir wieder einmal erleben, wie viel Unterstützung und Hilfe wir während unserer ganzen Reise bei solchen Problemen erfahren haben. Nikos kümmert sich um eine schnellstmögliche Nachlieferung und arbeitet dann mit mir gemeinsam trotz etwas nervigen Wellen am Anlegeplatz der Werft den kompletten Nachmittag durch, um uns rechtzeitig für die Passage des Kanals von Korinth wieder segelfähig zu machen. Als wir schließlich die neuen Unterwanten montiert haben und der Mast wieder sauber verspannt und ausgerichtet ist, fällt die Anspannung von uns ab. Das Rigg steht wieder stabil, wir können mit gutem Gefühl weiterfahren. Rückblickend sind wir nicht nur für die schnelle Problemlösung dankbar, sondern auch dass der Defekt genau hier passiert ist und nicht irgendwo weit draußen.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in der großen Bucht von Korfos und einer ruhigen Nacht machen wir uns früh auf den Weg in Richtung Kanal von Korinth.
Wir müssen rechtzeitig an der Einfahrt sein, um unsere zugewiesene Passagezeit zu erwischen. Der Kanal von Korinth war eines der heimlichen Bucket-List Ziele, die wir mit der Sea Pearl auf unserer Weltumsegelung erleben wollten. Dabei war lange nicht klar, ob der Kanal überhaupt geöffnet ist. Gleich mehrere Jahre vorher bliebt der Kanal nämlich wegen Abstützungsarbeiten der Felswände und Baggerarbeiten zur Entfernung der Abbrüche aus dem schmalen Kanalbett geschlossen. Wir erreichen rechtzeitig die Warteposition am östlichen Eingang und reihen uns ein. Bezahlt haben wir bereits vorab online und so reicht der Funkkontakt mit der Verkehrszentrale und der Abgleich unserer Reservierungsnummer um uns zu autorisieren. Nach einem Check mit den anderen Booten über die Reihenfolge heißt es erst einmal warten. Grund dafür ist ein Konvoi in Gegenrichtung. Unter anderem wird ein großer Schwimmbagger durch den Kanal geschleppt, und solche Durchfahrten dauern. Für uns bedeutet das eine gute Stunde im Wartemodus. Wir machen uns ein zweites Frühstück und recherchieren etwas zur Geschichte des Kanals. Der Gedanke, den Isthmus von Korinth zu durchtrennen, ist alles andere als neu. Schon im antiken Griechenland gab es Überlegungen, hier eine Verbindung zwischen der Ägäis und dem Ionischen Meer zu schaffen. Tatsächlich wurden Schiffe damals über den sogenannten Diolkos, eine Art gepflasterte Schleifbahn, über Land gezogen. Erst in der Neuzeit wurde der Kanal Realität. Die heutige Ausführung wurde 1893 fertiggestellt. Der Bau war nur mit den damals neu verfügbaren Technologien, insbesondere dem Einsatz von Dynamit, möglich. Anders als der Suez- oder Panamakanal ist der Kanal von Korinth mit seinen gut sechs Kilometern Länge vergleichsweise kurz und auch ziemlich schmal. Mit einer Durchfahrtsbreite von nur rund 17 Metern und steilen, bis zu 80 Meter hohen Felswänden links und rechts ist die Passage beeindruckend eng. Für die moderne Handelsschifffahrt spielt er auch deshalb kaum noch eine Rolle, weil größere Schiffe schlicht nicht hindurch passen. Für uns Segler bedeutet er aber eine enorme Abkürzung. Rund 200 Seemeilen Weg um den Peloponnes herum sparen wir uns durch diese Passage.
Als wir schließlich das Signal zur Einfahrt bekommen, folgen wir dem Konvoi in den Kanal. Langsam ziehen die Felswände an uns vorbei. Das Wasser ist ruhig, der Motor läuft gleichmäßig, und wir versuchen, möglichst mittig zu bleiben. Die Dimensionen sind schwer einzuschätzen. Die Wände ragen steil nach oben, die Farbe des Gesteins wechselt zwischen Gelb, Braun und Grau, und über uns verlaufen Brücken wie dünne Linien zwischen den beiden Seiten. Es ist ein sehr konzentriertes Fahren und gleichzeitig sehr beeindruckend. Auch dieses tolle Erlebnis ist und mit der Sea Pearl gelungen. Wir sind stolz und hören gar nicht mehr auf uns in diesem besonderen Ort mit den Kameras festzuhalten. Nicht viele Orte verbinden so direkt technische Ingenieursleistung, eine Geschichte bis ins Altertum und die Möglichkeit, mit dem eigenen Boot mitten durchzufahren. Nach gut 40 Minuten erreichen wir schon die westliche Ausfahrt. Die Passage ist kurz, aber intensiv. Kaum sind wir draußen, öffnet sich der Golf von Korinth vor uns. Wir hatten uns auf etwas anstrengenden Gegenwind eingestellt, aber glücklicherweise hat der Wetterbericht zu unseren Gunsten nicht recht. Der Himmel ist leicht zugezogen, der Wind schwach, und wir motoren zunächst ein Stück weiter. Unser erstes Ziel ist Galaxidi, ein kleiner Ort mit großer nautischer Vergangenheit. Die Fahrt durch den Golf von Korinth ist ruhig. Kaum Wind, wenig Welle und viel Zeit, um die Landschaft auf beiden Seiten zu betrachten. Immer wieder passieren wir kleine Orte, Buchten und Häfen, die sich eng an die Küsten schmiegen.
Ein besonderer Stopp auf dem Weg ist Nafpaktos. Die kleine Stadt wirkt fast wie ein Miniaturmodell einer Festungsanlage. Der Hafen ist von Mauern und Türmen umgeben, und die Einfahrt ist so schmal, dass nur wenige Boote gleichzeitig hinein passen. Historisch war Nafpaktos zeitweise sogar Hauptstadt des neu gegründeten griechischen Staates. Der Hafen ist aber so klein, dass wir zwar für ein Foto unseren Bug hineinstecken können, aber gleich wieder umdrehen. Und weil uns der Ankerplatz vor der Küste uns zu offen ist, fahren wir weiter aus dem Golf von Korinth.
Weiter westlich erreichen wir schließlich die Rio-Antirio-Brücke. Für Luisa als Bauingenieurin ist das eines der Highlights dieses Abschnitts. Die Brücke verbindet den Peloponnes mit dem griechischen Festland und überspannt nicht nur eine Meerenge, sondern auch eine geologisch aktive Zone. Sie wurde so konstruiert, dass sie Bewegungen des Meeresbodens und sogar Erdbeben ausgleichen kann. Hinter der Brücke ändert sich die Landschaft wieder. Die Küsten werden flacher, die Gebirge sowohl am Peleponnes als auch am griechischen Festland rücken zurück und vor uns liegt das ionische Meer. Das ionische Meer gilt seglerisch als Leichtwindrevier und auch wir erwischen schon früh im Juni echtes Hochsommerwetter. Kein oder leichter Wind in der Nacht, Vormittags noch Ruhe und dann Nachmittags einen von den Bergen auf den Inseln angefachte Thermik.
Unser Ziel ist Messolonghi. Die Stadt liegt nicht direkt am Meer, sondern in einer weitläufigen Lagunenlandschaft. Schon die Anfahrt ist besonders. Flaches Wasser, schmale Fahrwasser, Holzpfähle, die den Weg markieren, und eine Stimmung, die wir so in Griechenland irgendwie nicht erwartet haben. Zumindest komplett anders als die kargen Kykladen. Plötzlich gibt es ganz viel grün und eine sanfte Landschaft um uns herum. Bei unserer Ankunft wird gerade ein traditionelles Fest gefeiert. Ein Umzug mit Pferden zieht durch die Stadt und erinnert an die bewegte Geschichte Messolonghis während des griechischen Unabhängigkeitskrieges. Die Stadt war lange belagert, und ein verzweifelter Ausbruchsversuch der Bewohner ist bis heute Teil der kollektiven Erinnerung. Für uns markiert dieser Stopp einen schönen Abschluss dieses Abschnitts. Die Kombination aus Technik im Kanal, ruhigem Segeln im Golf, der erfolgreichen Wantenreparatur und dann dieser ganz eigenen Atmosphäre in der Lagune macht diese Woche zu etwas Besonderem.
Wie es für uns weitergeht, welche Herausforderungen uns im Ionischen Meer erwarten und ob wir in der kommenden Woche vor Korfu erfolgreich unsere Kurslinie kreuzen können, erzähle ich euch dann wieder im nächsten Beitrag. Wie gewohnt könnt ihr die Reise im bewegten Bild auf YouTube nachverfolgen – das Video dazu findet ihr hier. Und die Tagebucheinträge sind nach wie vor auf Instagram online.




















































