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Ramadan in Saudi Arabien

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Nach unserer eindrücklichen Zeit im bitterarmen Suakin in Sudan tut sich ein zwar kurzes aber perfektes Wetterfenster für uns für die eineinhalbtägige Etappe nach Jeddah in Saudi Arabien auf. Wir haben einen ruhige Überfahrt und mit Ausnahme der „nächtlichen Störung“ durch eine sehr laute Grille, die als blinder Passagier mitfährt, zeigt sich am frühen Nachmittag des zweiten Tages ganz allmählich die Silhouette von Jeddah am Horizont. Begleitet wird das sogar für zwei Stunden mit etwas Segelwind. Noch auf dem Wasser merkt man, dass ein deutlicher Kontrast zum Sudan auf uns wartet. Der Wechsel von der sudanesischen Küste in eine große, wohlhabende Metropole ist schon aus der Entfernung sichtbar. Die Ansteuerung ist dabei weniger „einfach hinfahren und festmachen“ als ein bewusstes Herantasten. Die Jeddah Yacht Club & Marina ist sehr neu und im Bereich des Formel‑1‑Kurses gebaut. Dazu kommt, dass es für diesen Abschnitt keine verlässlichen Seekarten gibt. Umso hilfreicher ist es, dass uns ein Schlauchboot der Marina bereits draußen abfängt und in die Einfahrt begleitet.

Nach der Überfahrt aus dem Sudan setzen wir die saudische Gastlandflagge
Langsam zeigt sich die beeindruckende Skyline von Jeddah am Horizont
Die „floating Mosque“ am Eingang zur neuen Marina in Jeddah
Wir sind mit der Sea Pearl erfolgreich in Saudi Arabien angekommen
Hübsch-machen für unser Ankommensessen in der Marina
Es ist Ramadan und wir machen mit beim alltäglichen Fastenbrechen Abends: Ifar
Die moderne Marina bei Nacht

Das Thema Nummer eins ist in Jeddah zunächst das Einklarieren. Saudi‑Arabien ist für Fahrtensegler noch ein sehr junges Revier, und das merkt man an vielen Details. Das beginnt bei den Informationen, die man vorab recherchieren kann, und setzt sich bei den Abläufen vor Ort fort. Wir sind nach unserem Wissen das erste deutsche Segelboot, das in dieser Marina in der jüngeren Vergangenheit anlegt, und vieles ist entsprechend „Neuland“. Die Einreise läuft mal wieder über einen Agenten, den man für die Ankunft mit dem Boot benötigt. Wir müssen dafür eine umfangreiche Dokumentation abgeben – so umfassend wie noch in keinem Land zuvor. Neben den üblichen Papieren wie Pässen und Bootsunterlagen werden auch Dinge verlangt, die man sonst selten in dieser Tiefe vorzeigen muss, zum Beispiel Funk‑Zertifikate, Führerscheine und technische Nachweise. Dazu kommt ein System aus verschiedenen Erlaubnissen („Permits“), das sich erst nach und nach erschließt. Ein „Navigation Permit“ regelt grundsätzlich die Fahrt in den territorialen Gewässern und das Anlaufen offizieller Häfen. Zusätzlich gibt es ein „Sailing Permit“, das für das Bewegen mit privaten Booten entlang der Küste relevant ist. Was uns zunächst nicht klar war: Wie diese Dinge sauber miteinander zu verknüpfen sind, um damit eine Segelreise wie wir das gewohnt sind, zu ermöglichen, ist auch den Behörden noch gar nicht klar. Gleichzeitig ist die Infrastruktur entlang der Küste des Roten Meeres noch nicht so, wie man es aus etablierten Segelrevieren kennt – vor allem fehlen weitere Marinas nördlich von Jeddah, die für einen durchgehenden Plan und dann eine ordentliche Ausklarierung weiter im Norden nötig wären. Am Ende ist es eine Kombination aus Geduld, vielen Gesprächen mit Offiziellen und dem Agenten und dem Versuch, eine praktikable Lösung zu finden, die sowohl zu den offiziellen Vorgaben passt als auch zu unserem eigentlichen Reiseplan. Ganz rund fühlt sich das System an diesem Punkt noch nicht an – aber es ist erkennbar, dass Saudi‑Arabien sich gerade erst für diesen Bereich öffnet und noch lernen muss, wie Fahrtensegler hier sinnvoll eingebunden werden. Zusammenfassend können wir stolz sagen, dass wir es geschafft haben: Wir sind offiziell einklariert, als vermutlich erstes deutsches Segelschiff jemals,  können uns im Land bewegen und schließlich sogar mit der Sea Pearl entlang der Küste segeln – wenn auch nach Jeddah schon ausklariert und damit dürfen wir dann nicht mehr offiziell an Land.

Wir kommen im Ramadan an. Neben der uns ja sowieso noch nicht vertrauten Kultur und dem öffentlichen Leben in Saudi Arabien ist das sicher auch einer der Gründe, warum wir unsere ersten Eindrücke sehr deutlich „anders“ erleben. Untertags läuft spürbar weniger, und vieles verlagert sich in die Stunden nach Sonnenuntergang. Um etwa 18:30 Uhr, wenn die Sonne weg ist, wird es lebendig: Restaurants öffnen, Familien sind unterwegs, und insgesamt findet überhaupt Leben statt. Beim täglichen Highlight, dem Fastenbrechen Iftar, erleben wir auch kleine, liebe Gesten, die uns in Erinnerung bleiben. Zum Sonnenuntergang bekommen wir auf der Straße Wasserflaschen geschenkt, und jemand reicht uns Datteln. Traditionell beginnt das Iftar mit Datteln und arabischem Kaffee und es gibt dann ein Essen aus allerlei kleinen Gerichten, meist viele kleine Meze zum probieren, um wieder Kraft für den nächsten Tag Fasten zu schöpfen. Solche Details und die sehr offenen erklärungen der Einheimischen helfen uns, den Ramadan nicht nur als religiöse Regel zu verstehen, sondern als gelebten Alltag und eine bewusste Änderung des Rhythmus eines ganzen Landes. Noch am Abend unserer Ankunft essen auch wir direkt in der Marina libanesisch zum Fastenbrechen und erleben so dieses besondere Lebensgefühl hautnah. Am nächsten Morgen kommen dann noch drei weitere Boote an – zwei australische „Kumpelboote“ und ein britisches Boot – und so entsteht mitten in der großen Motoryacht‑Kulisse eine kleine Hafengemeinschaft, wie man sie als Langfahrer fast überall auf der Welt findet.

Die typische Architektur in Al-Balad
Schöne kleine Plätze
Das lokaltypische Fladenbrot – sehr lecker
Süßigkeiten am Markt…
…mehr Süßigkeiten am Markt
Mit unseren Buddybooten trinken wir arabischen Kaffee nach Ifar
Ifar ist immer opulent und abwechslungsreich
Eindrücke von der Islamic Arts Biennale
Eindrücke von der Islamic Arts Biennale
Eindrücke von der Islamic Arts Biennale

Neben der modernen Seite von Jeddah schauen wir uns auch die Altstadt Al‑Balad an. Sie war traditionell der Drehpunkt für Pilger, die über das rote Meer auf der auf dem Weg nach und von Mekka für ihre Hadsch oder eine Umra reisen wollten. Einige der historischen Häuser sind noch erhalten oder wurden restauriert. Wir essen in einem traditionellen Restaurant und schließen den Ausflug stilecht mit Datteln, Tee und arabischem Kaffee in einem kleinen lokale in der Altstadt ab. Praktisch wird es in Jeddah auch noch: Auf der Überfahrt stellen wir fest, dass am Bajonettverschluss unseres großen Kameraobjektivs etwas gebrochen ist. In Jeddah finden wir tatsächlich einen Canon‑Reparaturshop, der das passende Teil lagernd hat und direkt austauschen kann. Abends flanieren wir an der Corniche entlang der Wasserfront, zusammen mit vielen Einheimischen, die ebenfalls den Sonnenuntergang dort verbringen. Außerdem probieren wir in einem der schicken Cafés an dieser Promenade natürlich auch eine Wasserpfeife aus. An einem der kommenden Abende besuchen wir – mit einer lokalen Guide – die Islamic Arts Biennale auf dem Gelände des Pilgerflughafens außerhalb der Stadt. Die Installationen sind beeindruckend und eng mit dem Islam, dem Tagesablauf des Gebets und den heiligen Städten verbunden. Für uns ist das eine gute Gelegenheit, mehr über den Islam, seine Praxis und den Stellenwert von Mekka und Medina zu lernen, ohne dass es belehrend wirkt. Dieser Besuch und auch die Erklärungen die war darum gelernt haben ist wirklich beeindruckend und wir haben mit so etwas nicht gerechnet.

Draußen auf dem Roten Meer steht immer noch ein sehr starker Nordwind, vor dem wir uns in der Marina gut verstecken können, der ein Vorankommen weiter nach Norden aber schwierig bis unmöglich machen würde. Statt uns im Hafen „festzusetzen“, nutzen wir die Zeit deshalb für einen Inland‑Trip in den Nordwesten des Landes. Zuerst fliegen wir nach Tabuk. Diese Stadt wurde als Karawanenstopp an einer (inzwischen versiegten) Quelle gebaut und war deshalb ein wichtiger Stopp auf einer alten Pilgerroute über Land – von Richtung Türkei und Syrien weiter nach Mekka. Wir schauen uns das alte Fort an, in dem auch Mohammed wohl schon Station gemacht hat, und fahren anschließend weiter zu einem Naturziel, von dem uns schon vorgeschwärmt wurde: dem Wadi Disah.

Der Innenhof des alten Forts von Tabuk
Touri-Bild im Fort von Tabuk

Ein Wadi ist geologisch betrachtet ein Flussbett bzw. Tal, das nur periodisch Wasser führt. In trockenen Regionen bleibt es oft lange Zeit trocken und wird vor allem nach Regenfällen zum Wasserlauf. Im Wadi Disah kommt noch etwas hinzu: eine Oase, also eine Wasserader oder Quelle, die in der Wüste an die Oberfläche tritt. So entstehen die Kontraste, die diesen Ort so besonders machen – Felsen, ein grüner Streifen Vegetation und dazwischen Wasserstellen. Auch die Anfahrt ist Teil des Erlebnisses: Sobald wir von der offiziellen Straße abbiegen, dürfen wir selbst mit dem Geländewagen durch die Wüste fahren. Das macht ziemlich viel Spaß – und es ist für unseren Guide auch gar kein Problem Luisa den Geländewagen steuern zu lassen. Trotz der noch vor einigen Jahren deutlich traditioneller gelebten Geschlechtertrennung in Saudi Arabien. Wadi Disah wird seinem vorauseilenden Ruf gerecht. So einen krassen Gegensatz in der Natur haben wir auf der ganzen Reise noch nicht erlebt. Wir staunen und saugen diesen besonderen Ort in uns auf. Die Bilder, die dabei entstehen können die Eindrücke leider nur teilweise wiedergeben. Um die Erlebnisse noch zu toppen hat unser Guide im warmen Abendlicht an einem schilf-gesäumten Wasserlauf für uns ein Picknick mit Hummus und Fladenbrot organisiert. Auf unsere Frage nach dem Ramadan meint er: Hier draußen sieht uns keiner – und schließlich sind wir alle drei Reisende, da dürfen wir das. Wir genießen den besonderen Moment und die Gastfreundschaft.

Raue Landschaft zwischen Tabuk und dem Wadi Disah
Uns öffnet sich plötzlich eine grüne Lebensader inmitten der Steinwüste
Wir mit unserem Geländewagen im Wadi Disah
Tolle Farben und Landschaften
Kamele im Wadi Disah
Wir machen halt an einer Wasserstelle mit Schilf
Wadi-Stilleben
Plötzlich so viel Grün in der Wüste
Wir in einem Felsdurchbruch

Nach dem Ausflug rund um Tabuk geht es mit dem Überlandbus weiter nach Al‑Ula. Der Agent bucht uns dort ein Hotel, das man merkt: Normalerweise hat er nicht mit einfachen Seglern zu tun . Das Hotel bietet einen Luxus den wir so noch nicht erlebt haben. Wir haben einen eigenen Pool, eine tolle Aussicht auf die Wüste und die komplett verspiegelte Konzerthalle Maraya und insgesamt einen Standard, der für uns ungewohnt ist. Genießen können wir das trotzdem sehr. Die Konzerthalle, die immerhin ein komplettes symphonisches Orchester und hunderte Zuschauer aufnehmen kann, ist ein von allen Seiten mit Spiegeln überzogener Quader, den man in der Landschaft fast „übersehen“ kann. Wirklich beeindruckend, was mit großen finanziellen Mitteln so alles möglich ist. Abends lassen wir den Tag an einer Feuerschale ausklingen, bewundern den Sternenhimmel in der Wüste und schauen am nächsten Morgen beim Sonnenaufgang auf die beeindruckende Landschaft.

Wüstenlandschaft am Weg nach Al-Ula
Erkennt ihr die Konzerthalle…?
Blick von unserem Pool auf die Wüste
Die Konzerthalle Maraya in der Wüstenlandschaft…
…ein beeindruckendes Gebäude
Wir genießen den gigantischen Sternenhimmel…
…an unserer Feuerschale
Fertig für den nächsten Ausflug
Das monumentale Grabmal in Hegra
Weitere Gräber in Hegra
Ein toll geformter Durchgang zwischen Felsen in Hegra

Die zwei Tage in Al‑Ula füllen wir mit Ausflügen. Ein zentrales Ziel ist Hegra. Die Anlage wird den Nabatäern zugeschrieben – einem Volksstamm, der seine größte Blütezeit rund um die Zeitenwende hatte. Hegra gilt als „Schwesterstätte“ zu Petra in Jordanien, und uns wird vorab gesagt, dass man die berühmten Felsengräber hier oft mit deutlich weniger Touristen ansehen kann. Genauso erleben wir es: Mit einer sehr kleinen Gruppe stehen wir vor fein gearbeiteten Felsengräbern, deren Details für die damalige Zeit beeindruckend sind. Besonders beeindruckt uns die größte Grabstätte des Tals, ein monumentales Grab, dessen komplette Fassade einen riesigen, solitär stehenden Felsblock einnimmt.

Sehr interessant ist außerdem die eigentliche Oase von Al‑Ula. Bei einem geführten Spaziergang lernen wir viel über das frühere Leben, Landwirtschaft und Datteln. Es ist erstaunlich, wie grün dieser Streifen Land mitten in der Wüste ist. Von den vielen Quellen und Brunnen, die es früher einmal gab, sind einige versiegt, manche aber bis heute nutzbar. Spannend ist auch das traditionelle Bewässerungssystem: Es wurde früher unter anderem über Zeitfenster geregelt – mit einer Sonnenuhr und Schiebern, die festlegen, wer gerade das Wasser aus der Quelle bekommt.

Die Oase von Al-Ula
Überall wo Wasser ist, grünt es
Die Oase von Al-Ula
Unser Führer erklärt uns viel über das alte Leben und das Bewässerungssystem
Dattelpalmen-Stilleben
Die alte Karawanenstadt von Al-Ula
Gräber aus der Frühzeit in Dadan
Wüsten-Landschaft um Al-Ula
Unser Guide Mohammed führt uns in ein Wadi
Ich versuche einem Kamel Wasser zu geben
Bei Luisa ist es freundlicher
Ein Fels in Form eines Elefanten in der Wüste bei Al-Ula

Am nächsten Tag steht mit Dadan und Jabal Ikmah ein weiterer archäologischer Schwerpunkt an. In der Region haben schon im 8. Jahrhundert vor Christus erste Siedler gelebt. Gräber in der Felswand und Ausgrabungsstücke geben Hinweise auf das damalige Leben. In den großen Felsen von Jabal Ikmah sehen wir Felsmalereien, Schriften und Zeichen aus verschiedensten Epochen. Erstaunlich häufig schlicht Wegbeschreibungen oder Hinweise für die weitere Route. Reisen in dieser lebensfeindlichen Umgebung war eben schon immer sehr gefährlich und frühe Reisende deshalb auf jede hilfreiche Information angewiesen.

Für den letzten halben Tag führt uns ein neuer Guide, Mohammed, zu weiteren Felsmalereien, einem Aussichtspunkt und schließlich in die Altstadt von Al‑Ula. Die Old Town stammt aus Karawanenzeiten und ist etwa 700 Jahre alt. Al‑Ula war nicht nur zu dieser Zeit ein wichtiger Stützpunkt bzw. eine Handelsstation – entlang einer der großen Routen zwischen Mittelmeerraum und dem Rotem Meer und später auch entlang eines Pilgerwegs in Richtung Mekka. Gehandelt wurden unter anderem Weihrauch, Myrrhe und Gewürze aus Arabien, vor allem den Gebieten des heutigen Omans, in die eine Richtung und in die andere Richtung Waren aus dem Mittelmeerraum, wie zum Beispiel Olivenöl oder Getreide. Und wieder einmal ist der Kontrast aus Wüste und Oase besonders deutlich sichtbar: rundherum eine sehr karge, mondartige Landschaft – und im Tal drängt sich eine Dattelpalme an die nächste. Man erkennt, wie natürliche Quellen über lange Zeit die Grundlage für Wohlstand und Bedeutung in diesem Teil der Welt waren.

Unterwegs erleben wir noch wieder einmal die große Gastfreundschaft der arabischen Welt. Auch Mohammed sagt, dass wir als Reisende auch im Ramadan essen dürfen und sieht es als seine Pflicht an, uns zu versorgen. Das passiert ganz selbstverständlich, ohne großes Aufheben und zeigt uns den langsam und schrittweise entspannteren Umgang mit dem Islam und seinen Regeln in Saudi Arabien. Er selbst hält sich aber an die Fastenregeln und wir pausieren unseren Trip zu den Gebetszeiten, damit er manchmal in kleinen Gebetsräumen und einmal einfach am Weg neben dem Auto beten kann.

In Jeddah wird unser Objektiv wieder repariert
Architektur in der Altstadt von Jeddah
Vergitterte Balkone in der Altstadt von Jeddah
Sonnenuntergang an der Corniche
Die Floating Mosque bei Nacht

Kurz vor unserer Weiterfahrt mit der Sea Pearl zurück in Jeddah überrascht uns der sehr langfahrerfreundliche Marina‑Manager mit einem kleinen Extra: Er nimmt uns mit in den dreieckigen Kontrollturm und gibt uns eine Führung durch die Technik hinter diesem hypermodernen Gebäude. Die Marina übernimmt auch Aufgaben der Küstenwache, zum Beispiel eine Überwachung des Seegebietes vor Jeddah und eine Regulation der touristischen Tagesausflüge zum Schnorcheln oder Tauchen auf die Riffe vor der Stadt. Die Technik dahinter beeindruckt uns – und das erklärt, warum wir bei unserer Ankunft schon so weit draußen identifiziert werden konnten und uns das Schlauchboot in Empfang genommen hat. Auch bei den Liegegebühren zeigt sich, dass man Fahrtensegler hier offenbar bewusst willkommen heißen will – trotz luxuriöser Umgebung liegen wir mit unserer Bootsgröße in einer Größenordnung, die unter den meisten Häfen im Mittelmeer bleibt.

Wir klarieren aus Jeddah aus
Der Marinamanager kümmert sich super um uns Langfahrer
Außerhalb von Jeddah können wir sogar etwas Segeln
Wir schlängeln uns durch die Riffe nördlich von Jeddah…
… und telefonieren per Facetime mit Seglerfreunden auf der anderen Seite der Welt

Nach dem obligatorischen Ausklarieren, das dank Golf-Cart Shuttle und durchchoreographierten Beamten sehr effizient und zügig abläuft, machen wir uns mit unseren beiden australischen Buddy-Booten auf den Weg entlang der Küste nach Norden. Solange es das aktuelle Schwachwind-Wetterfenster zulässt, wollen wir Strecke nach Norden machen, um uns dann vor Anker in einer Bucht oder hinter Riffen an der saudischen Küste zu verstecken, bis das nächste Wetterfenster dann den Sprung in Richtung Aqaba in Jordanien erlaubt. Weil es noch keine detailreichen elektronischen oder Papierkarten gibt, navigieren wir mit OpenCPN am Laptop und mit selbst erstellten, georeferenzierten Satellitenbildern. Die Blautöne des Wassers geben dabei eine Indikation der Tiefe. Zum Start dieser Etappe können wir auf einem angenehmen Am-Wind Kurs sogar noch etwas segeln und schlängeln uns so durch die Riffe nördlich von Jeddah, bevor dann der Wind einschläft und wir auf den Motor wechseln. Entlang der saudischen Küste nach Norden gibt es noch keinerlei nautische Infrastruktur für uns Fahrtensegler. Auch sind die neuen Regularien zu Permits und damit der Möglichkeit entlang der Küste zumindest zu ankern scheinbar noch nicht überall bekannt. Nach knapp zwei ruhigen Tagen wollen wir bei der Inselgruppe Umluji vor Anker gehen, um dort drei Tage starken Nordwind abzuwarten. Die Zufahrt ist anspruchsvoll, weil man über mehrere Riffbänder muss. Wir schlängeln uns mit Hilfe von Satellitenbildern und Augapfelnavigation durch kleine Inselchen und Riffe, und ankern in tollem, sandingem Flachwasser vor einer kleinen Düneninsel. Das total klare Wasser wirkt optisch sogar noch flacher als es ist – selbst bei fünf bis acht Metern hat man das Gefühl, man schaut auf „null“. Dafür liegen wir anschließend in drei bis vier Meter tiefem, knalltürkisem Wasser auf Sandgrund vor einer kleinen Düneninsel. Keine halbe Stunde nach unserem Ankermanöver taucht ein Boot der Küstenwache mit Vollgas und mit Soldaten mit Gewehren im Anschlag auf und bittet uns höflich aber bestimmt den Platz wieder zu verlassen. Ein Prinz baut wohl auf der anderen Seite der Inselgruppe ein neues Touristenresort und wir sind deshalb so nah an der Baustelle (wie sehen nichts davon) unerwünscht. Nach einigen Erklärungsversuchen, viel Google-Translate und Telefonaten mit den Vorgesetzten wird uns schließlich erlaubt eine Inselgruppe weiter Richtung Küste Schutz zu suchen. Wir informieren per Funk unsere nachfolgenden australischen Freunde auf Libby und CathayOz, schlängeln uns wieder durch die Riffe und setzen im schon beginnenden Nordwind die Genua, um uns die knapp zehn Meilen in Richtung des von der Küstenwache zugewiesenen neuen Ankerplatzes zu verholen. Dabei passiert uns eine Unaufmerksamkeit in der Bewertung der leider nicht sehr genauen Satellitenbilder. In der Anfahrt in die Inselgruppe sehen wir auf der Karte einen Korallenblock in der Durchfahrt durch ein Riffband nicht – erst Luisas Schrei: „Da ists türkis“ lässt uns in einem Manöver des letzten Augenblicks den Kurs ändern, alles bei Vollgasfahrt unter Genua, um hier einer gegebenenfalls sehr brenzlichen, wenn nicht sogar fatalen, Riffpassage zu entgehen. Glücklicherweise geht alles gut. So viel Adrenalin wie in diesem Moment hatten wir beide aber noch nie während der Reise im Blut. Nicht auszudenken, wie eine Havarie hier an dieser entlegenen Küste ohne jede Infrastruktur und mit auflandigem Wind ausgegangen wäre. Riesiges Glück gehabt.

Luisa am ersten Ankerplatz, der uns dann verboten wird
Die Küstenwache kommt kontrollieren
Die Küstenwache zeigt uns den neuen Ankerplatz auf deren Seekarte
Wir verholen uns zum zweiten, zugewiesenen Ankerplatz bei Umluji
Sea Pearl vor der namenlosen Sandinsel
Das einzige Bild des Dugongs
Wir säubern das Unterwasserschiff…
…und schnorcheln etwas
Abendstimmung an Bord von CathayOz
tolles, türkises Wasser am dritten Ankerplatz bei Ostwind
Die Küstenwache kontrolliert ein letztes Mal

An unserem „Notankerplatz“ ist zwar der Grund nicht ganz so gut wie vor Umluji aber wir sind sicher und haben eine gute Zeit mit den beiden Buddy-Booten – wenn auch ständig überwacht von der Küstenwache. An einem Morgen schwimmt sogar ein Dugong direkt neben dem Boot vorbei. Dieses Tier, manchmal auch Seekuh oder Manatee genannt, haben wir während der ganzen Reise noch nicht gesehen. Der Bordalltag läuft trotz dieses exotischen Ankerplatzes, an dem vermutlich noch nie vorher ein anderes Segelboot geankert hat, ganz normal weiter: Frühstück, kleine Wartungen, Rumpfputzen, Yoga. Und dann zeigt das Rote Meer auch noch eine andere Seite: Ein unerwartet früher Ostwind kommt auf, bringt Welle in einen eigentlich ungünstigen Winkel und wir entscheiden uns – wie die anderen Boote auch – neu zu ankern. Der Ostwind trägt außerdem Sand von Land mit in die Luft. Man sieht gelbliche „Wolken“ über der Wüste, und der Wind fühlt sich wie ein Föhn an, weil er die aufgeheizte Luft vom Land herüberbringt. Auch unser Umankern beobachtet die Küstenwache und als kurz danach ein etwas aufgebrachtes Patroullienboot auftaucht müssen wir aufwändig versichern, dass wir das nächste Mal vor so einem Umankern erst die Küstenwache anfunken. Wir sind also gut überwacht und alles läuft sehr freundliche ab, das ist aber wohl der Preis für den Pionierstatus, den wir als Segler in Saudi Arabien haben.

Nach zweieinhalb Tagen im Schutz vor starkem Nordwestwind geht es wieder weiter Richtung Norden. Es wird zunächst viel motort – „gutes“ Wetter im Roten Meer bedeutet ja oft genug: ruhig genug zum Motoren. Wir lassen den Wassermacher laufen, kochen gut und sind damit für die nächsten Tage ordentlich aufgestellt. Delfine begleiten uns immer wieder in großen Schulen und teilweise für eine richtig lange Zeit, was wir einfach als gutes Omen für unsere weitere Überfahrt nehmen.

Abendstimmung vor Anker bei Umluji
Wir navigieren mittels OpenCPN durch die Riffe
Etwas Segelwind kommt sogar auf
Die gefangene Goldmakrele wird sauber filettiert…
…und ergibt ein tolles Abendessen
Immer wieder begleiten uns viele Delfine
Uns geht es gut am windlosen Weg nach Norden

Unser Kurs führt weiter nach Norden, Richtung Golf von Aqaba. Wie uns Jordanien empfängt und unseren weiteren Weg in Richtung Suez-Kanal beschreibe ich wieder hier auf unserem Blog in den kommenden Tagen. Wie gewohnt könnt ihr die Reise auch auf YouTube nochmal nacherleben. Die beiden Videos hierzu habe ich euch hier und hier verlinkt. Außerdem gibt es unsere damaligen Tagebucheinträge nach wie vor auf Instagram zum nacherleben.

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