Nach fast eineinhalb Jahren haben wir mit der Ankunft in Djibouti wieder Afrika erreicht. Ganz im Osten zwar und nicht auf der anderen Seite dieses großen Kontinents auf den Kap Verden. Damals haben wir uns auf die ersten Ozeanüberquerung vorbereitet. Jetzt haben wir die letzte große Ozeanüberquerung gemeistert. Alle folgenden Etappen unserer Weltumsegelung werden kürzere Strecken sein und küstennäher verlaufen. Zuerst steht aber etwas Erkundung an und wir müssen einige Kleinigkeiten an Bord der Sea Pearl reparieren, um für die taktisch schwierige Etappe durch das Rote Meer nordwärts gerüstet zu sein.
Unterstützt und organisiert von unserem Agenten Ahssan, erkunden wir zunächst Djibouti Stadt. Neben einigen Kaffees und einem zentralen Platz, gibt es aber leider recht wenig zu sehen. Die Stadt ist geschäftig und entwickelt, die Sehenswürdigkeiten Djiboutis findet man aber eher im Hinterland. Die Stadt selbst lebt von der Stationierung der Militärtruppen zur Überwachung des Golf von Aden und ihrem Hafen. Als Knotenpunkt des Handels für ganz Ostafrika und vor allem auch die vielen Binnenländer wie Äthiopien im Hinterland haben sich hier aber keine alten Sehenswürdigkeiten erhalten. Vielmehr wirkt die Stadt fast etwas „gesichtslos“. Alle Cruiser des Ankerplatzes bekommen als Willkommens-Einladung des Agenten dann noch ein typisch äthiopisches Abendessen. Eine ganz eigene Erfahrung ohne Besteck und mit einem ganz dünnen, pfannkuchenartigen Brot das Essen aus großen Schüsseln zu teilen.
Weil wir alle auf das gleiche Wetterfenster zur Weiterfahrt ins Rote Meer warten, bleibt Zeit für einen zweitägigen Ausflug ins Hinterland. Die Tour bringt uns in Land-Cruisern zuerst zum großen Afrikanischen Grabenbruch, dann zum tiefst gelegenen Punkt Afrikas am Lac Assal und durch Straßen erst entlang der Küste dann ins Hinterland. Wir übernachten in einem kleinen Art Touristenresort mit Hütten, die als Rundhaus an die traditionellen Häuser der Einheimischen erinnern. Auf der Fahrt zum Grabenbruch verlassen wir Djibouti auf der Hauptverkehrsstraße. Nicht enden wollende Kolonnen an Tanklastwagen transportieren das Öl aus dem Hafen von Djibouti ins Hinterland. Entlang dieser Ausfallstraße sehen wir viel Armut und seit langem mal wieder große Slums. Am großen afrikanischen Grabenbruch erleben wir dann Plattentektonik hautnah. Entlang dieser Bruchlinie – die im Golf von Djibouti das Meer erreicht – reißt Afrika auseinander. Einige wenige Zentimeter pro Jahr driftet die ostafrikanische Platze vom Hauptkontinent nach Ost-Süd-Ost weg. In vielen vielen Millionen Jahren ist als das heutige Ostafrika wie Madagaskar eine Insel. Das riesige Tal in das wir schauen ist als nicht durch Erosion und einen Fluss entstanden sondern einfach ein Spannungsriss in unserer Erdkruste. Weiter geht es über eine sehr gut ausgebaute Straße in Serpentinen nach unten zum Lac Assal. Diesen Teil des Grabenbruchs, der schon einmal eine Verbindung zum Ozean gehabt haben muss, hat ein relativ junger Vulkanausbruch wieder vom Meer getrennt. Durch Verdunstung und Landsenkung liegt dieser extrem salzige See auf -38m unter dem Meer und die Ufer sind Salzebenen die ein bisschen so wirken wie wir und die großen Salzseen in den Aden vorstellen. Über und an den schwarzen und sehr scharfkantigen Felsen des letzten Vulkanausbruchs vorbei bringt uns der Fahrer zu einer temporären Fischerbehausung in der für uns lecker Fisch mit lokalem Reis gegrillt wird. Leider wohl nicht ganz mit dem Hygienestandard den unsere verwöhnten Mägen gewöhnt sind – wie wir dann später noch erleben werden.
Nach den wirklich beeindruckenden, sehr extrem kargen Naturlandschaften führt uns die weitere Fahrt entlang der Küste durch kleine Fischerdörfer. Wir sind weg von der Hauptverkehrsader und dieser Abschnitt der Küste scheint etwas mehr Niederschläge zu bekommen, sodass alles etwas weniger schroff wirkt. Aber dafür werden die Straßen auch immer schlechter. Schließlich biegen wir in einem Trockental von der Straße ab und werden ordentlich durchgeschaukelt. Aber auch gleich wieder belohnt. Unsere ersten Dromedare der Reise, scheinbar eine domestizierte Herde, grasen ganz nah am Weg, den sich die Jeeps entlang kämpfen. Wir können anhalten und tolle Fotos machen. Weiter geht es über immer abenteuerliche Wege in die Berge. Mehr und mehr wird die Fahrt selbst zum Erlebnis und in der Abendstimmung kommen wir in unserem Camp an. Es wird für uns gegrillt und dazu gibt es Reis und Hirse und wir können nach einem anstrengenden Tag in unseren Hütten früh schlafen gehen. In den Bergen wird es überraschend frisch. Am kommenden Morgen haben wir dann im doppelten Sinne Pech. Zum einen rebellieren unsere beiden Mägen und wir haben einen der seltenen Regentage erwischt. So fällt für uns die geplante Wanderung in den Bergen zu einem Wasserfall leider aus. Und auch aus dem Mittagessen in einem Dorf weiter unten im Tal wird nicht das variantenreiche Festmahl sondern es gibt für uns trockenen Reis. Zumindest schaffen wir aber die Rückfahrt ohne Verdauungsunfälle und können uns dann zwei Tage an Bord erholen. Auch das Wetterfenster meint es gut mit uns, sodass erst am dritten Tag – und wir damit wieder halbwegs fit – ans aufbrechen gedacht werden kann.
Zur Vorbereitung unserer Weiterreise und weil wir nicht wissen, wie die Versorgungslage im Sudan, unserem nächsten Ziel, ist, kaufen wir in Djibouti nochmal kräftig ein. Dabei erleben wir das breitest-mögliche Spektrum. Einmal geht es in einen französischen CarreFour. Wir bekommen alles und noch einiges mehr, was wir uns vorstellen. Auch viele Leckereien, die wir schon lange nicht mehr gefunden haben. Mit Hilfe unseres Agenten gehen wir dann aber auch noch auf den lokalen Markt um dort Obst und Gemüse einzukaufen, das nicht nur deutlich billiger ist sondern sich meist viel länger hält, weil es nicht in einer Kühlkette war. Dass Ahssan in der nicht-Yacht-Saison so etwas wie ein Gemüsegroßhändler aus seinem Dorf für diesen Markt ist, macht das Ergebnis noch besser. Wir kaufen schlussendlich nicht nur die geplanten Lebensmittel sondern auch noch Schals als Kopftücher für Luisa für die anstehenden Länder der muslimischen Welt und als Mitbringsel für daheim. Was für ein anstrengendes aber wirklich eindrückliches Erlebnis.
Wir verlassen Djibouti und wollen zwischen den vorgelagerten Inseln Îles Moucha motoren, um dann die Segel für unsere Passage mit gutem Rückenwind durch die südliche Einfahrt ins Rote Meer, Bab-El-Mandeb, zu setzen. Zwischen den Inseln dann aber ein Schreckmoment: unser sonst so zuverlässiger Dieselmotor geht einfach aus. Also Segel zwischen den Inseln raus und aufkreuzen. Währenddessen suche ich fieberhaft nach der Ursache. Dank eines Geistesblitzes werde ich auch ziemlich schnell fündig. Ein Stück alte Dichtmasse, vermutlich noch aus der Bauzeit der Sea Pearl hat sich im Zulauf zum Vorfilter verklemmt. So kommt kein Diesel mehr durch und deshalb ist der Motor ausgegangen. Ich entferne also die Blockade, sauge dann leider mit dem Mund (sehr eklig) Diesel wieder bis zur Förderpumpe an und entlüfte dann das System. Dabei passiert vor lauter Eile gleich der nächste Fehler – beim Zudrehen der Entlüftungsschraube reiße ich das Gewinde ab. So ein Mist. Wir haben aber noch eine passende M6-Metallschraube an Bord. Die ist zwar etwas zu lang, wir müssen die also noch abflexen, und ihr fehlt die Kerbe für die Entlüftung und die Kupferdichtung. Aber mit ein wenig Teflonband wird das System auch so dicht, Nach hektischen dreißig Minuten können wir den Motor wieder starten. Was für eine Erleichterung. So geht es mit viel zu viel Adrenalin im Blut erst aus den Inseln raus und dann unter Segeln entlang des Küstenverlaufes von Djibouti Richtung Rotes Meer. Die zwei Fischerbojen oder Netzen, die wir uns nachts einfangen, bringen uns nicht mehr aus der Ruhe. Wir können uns jeweils recht zügig freischneiden und ohne Schäden oder Problemen weiter Segeln.
Unser Timing für die Meerenge geht dabei sehr gut auf. Aufgrund des vielen Schiffsverkehrs und des Düseneffekts, der den Wind deutlich verstärkt, wollen wir unbedingt bei Tageslicht durchfahren. Am frühen Morgen fädeln wir uns also wieder in die virtuelle Autobahn der kommerziellen Schifffahrt ein und segeln auf dem „Grünstreifen“ in der Mitte zwischen den nach Süden fahrenden Schiffen an unserer Backbordseite, meist volle Tanker und leere Containerschiffe und an Steuerbord genau das umgekehrte Bild. Aufmerksam muss man aber gerade als Segler trotzdem sein, weil mitten in diesem Grünstreifen zwei kleinere Inseln liegen. Wie gut, dass wir hier bei Tag unterwegs sind. Die großen Schiffe sind wirklich nah und auch das Wetter ist durchaus anspruchsvoll. Wie erwartet wird der Wind in der Meerenge deutlich stärker, weil sich die Luft zwischen den hohen Gebirgen auf beiden Seiten durchzwängen muss. Wir haben zwar wie geplant Rückenwind und fliegen geradezu ins Rote Meer. Es baut sich innerhalb kürzester Zeit eine relativ große See auf und wir freuen uns, dass wir bei strahlendem Sonnenschein hier durchfahren und das viele „Drumherum“ ein sportlicher Segeltag ist und nicht in Hektik ausartet. Solche Südwinde, wie es sie rund um die Bab-El-Mandeb noch relativ regelmäßig gibt, haben im Rest des Roten Meeres Seltenheitswert. Die vorherrschende Windrichtung ist Nord. Und damit genau die Richtung in die wir müssen. Um eine möglichst gute Passage nordwärts durch das Rote Meer als Segler zu haben, gibt es eigentlich nur eine sinnvolle Taktik. Zuerst wartet man auf ein möglichst stabiles, nicht zu starkes, vor allem aber weit nach Norden reichendes Südwind-Phänomen am südlichen Eingang. Das haben wir gut erwischt und können fast 1,5 Tage Strecke nach Norden gutmachen. Diesen Südwind gibt es aber im nördlichen und mittleren Roten Meer in dieser Jahreszeit quasi gar nicht. Anschließend an die Passage von Bab-El-Mandeb heißt es deshalb in möglichst flauen Winden Strecke unter Motor nach Nord gut zu machen und sich vor dem nächsten einsetzenden Nordwind möglichst in einem sicheren Hafen oder Ankerplatz zu verstecken.
Herausfordernd dabei ist, dass diese windfreien Phasen je weiter man nach Norden kommt, immer seltener und kürzer werden. Auch gibt es entlang der Küsten zwar einige gute Ankermöglichkeiten und Inseln, die sind aber fast alle aus verschiedenen Gründen nicht praktikabel. Die Kartographierung des Roten Meeres ist eine der ungenauesten und veraltetsten, die wir erlebt haben. Teilweise fehlen komplett alle Details und die Küstenlinie ist nur als gerader Strich eingezeichnet. Auch gibt es oft keine oder nur sehr wenig nautische Literatur zu den möglichen Ankerplätzen. Wir behelfen uns zwar mit georeferenzierten Satellitenkarten, ein Restrisiko bleibt aber und viele mögliche Ankerplätze sind so einfach unbekannt. Die zwei anderen Gründe sind politischer Natur. Im Süden gehört die Küstenlinie im Westen zu Eritrea, im Osten zum Jemen. Eritrea ist ein Militärstaat mit einer nur rudimentär Regelbasierten Organisation, wir trauen uns deshalb nicht in die Hoheitsgewässer, um keiner Willkür ausgesetzt zu sein. Und im Jemen herrscht seit vielen Jahren ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung und vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen. Zum Zeitpunkt unserer Passage (im März/April 2023) haben di Huthi-Rebellen zwar noch keine Angriffe auf Handelsschiffe durchgeführt und auch seitdem wurden keine Segler angegriffen, auch dieses Land ist aufgrund von Sicherheitsbedenken für uns aber „verboten“. Im Norden und Osten des Roten Meeres sind die Küsten dann aufgrund der politischen Systeme von Ägypten und Saudi Arabien weitgehend geschlossen. Mögliche Ankerplätze sind entweder sehr weit auseinander oder grundsätzlich erst relativ weit im Norden verfügbar (in Ägypten) oder erst nach offiziellem Einklarieren und unter vielen Formalien anlaufbar wie in Saudi Arabien.
Wir entscheiden uns deshalb für den sichersten und komfortabelsten Weg. Zuerst wollen wir in den Sudan, nach Suakin. Der Ankerplatz ist super gut geschützt, bei jedem Wetter anlaufbar und man kann dort einklarieren. Anschließend wollen wir den kurzen Schlag nach Jeddah in Saudi Arabien wagen. Dort gibt es zwar eine große Unsicherheit, wie die Formalien ablaufen, weil es keine Erfahrungswerte gibt. Wir werden dort das erste Segelboot unter deutsche Flagge sein. Mit der Erlaubnis für einige Ankerplätze entlang der saudischen Küste soll es dann nach Jordanien gehen, um von dort aus, um die Sinai Halbinsel herum, in einem letzten guten Wetterfenster den Suezkanal zu erreichen.
Unser Plan geht soweit auf. Nach der Rückenwindpassage in das Rote Meer Motoren wir in leichten Winden recht mittig zwischen Eritrea und dem Jemen nach Nord. Trotzdem spüren wir teilweise alte Dünung von stärkeren Nordwinden voraus, wie gut, dass unser Wetterfenster so gut passt. Am Tag vor unserer geplanten Ankunft setzt sich dann noch leichter Nordwind durch, den wir in eine kurzen Am-Wind Schlag als Anlieger nach Suakin umsetzen können. Auch wenn diese Riffe in unseren Seekarten verzeichnet sind, so müssen wir uns in der letzten Nacht mit den ausgedehnten Riffstrukturen dieser Gehend auseinandersetzen. Teilweise sehr weit weg vom eigentlichen Festland befinden sich vor den Küsten große Riffkomplexe, die wir natürlich umfahren wollen. In einem kleinen Bogen schwenken wir so immer noch unter Segeln auf die Hafeneinfahrt von Suakin ein. Suakin war im Mittelalter ein bedeutender Handelsstopp zwischen Europa und Asien und ist auch heute noch einer der wichtigen Pilgerhäfen für die Reise von Ostafrika nach Mekka. An der relativ konturlosen Küste schneidet ein Meeresarm, vielleicht eine alte Flussmündung, relativ weit ein. Zuerst geht es entlang des Verlade- und Pilgerhafens und dann in einer wirklich engen und ziemlich flachen Passage entlang einer Ruineninsel, auf der die früheren Handelsstationen beherbergt waren, zum wirklich rundum perfekt geschütztem Ankerplatz. Wir sind sehr erleichtert, dass wir die erste Etappe des Roten Meeres, trotz der Aufregung gleich zum Start, so entspannt gemeistert haben. Weil Suakin so ein strategisch wichtiger und auch logischer Stopp für uns Segler ist, treffen wir hier viele bekannte Schiffe und ihre Crews wieder. Während an Land unglaubliche Armut und Zerstörung herrscht, finden wir am Ankerplatz alle bekannten Boote unserer vergangenen Monate wieder. Einige haben wir zuletzt in Südosaien gesehen, andere waren mit uns auf den Malediven oder in Djibouti. Es entsteht eine tolle Gemeinschaft. Jeder kümmert sich um kleine Reparaturen an den Schiffen mit viel wechselseitiger Hilfe der anderen Crews. Man tauscht sich über die kommende Wettertaktik und mögliche Ankerplätze aus und ab und an erkunden wir die sehr trostlose Stadt und die Ruineninsel. Wir werden dabei aber von den Einheimischen total freundlich empfangen. Es wird nach Bilder mit uns gefragt, die Kinder üben scheu etwas ihr Englisch und als wir uns mal eine lokalen Mokka kaufen sind wir die Attraktion der alten Männer. Suakin ist ein sehr eindrücklicher Stopp. Obwohl der Bürgerkrieg im Sudan erst nach unserem Stopp ausgebrochen ist, war es aber damals schon nicht ohne weiteres möglich das Landesinnere zu erkunden. Wir nutzen als den tollen Ankerplatz, die Ruhe und die Gemeinschaft anderer Segler, um uns auf die nächsten Etappen entlang des Roten Meeres vorzubereiten.
Wie es weitergeht schreibe ich wieder hier auf diesem Blog in den kommenden Wochen. Unsere Reise nachverfolgen könnt ihr außerdem nach wie vor auf Instagram oder YouTube. Das Video zu diesem Blogabschnitt habe ich euch hier verlinkt.





































































